Eine Buchstabengeschichte

kleines bEs war ein ruhiger Sonntag im Buchstabenhaus. Das große A saß gemütlich in seinem Ohrensessel und schmökerte in einem Buch. Das kleine q und das kleine r spielten verstecken. Das große O briet ein paar Frühstückseier und das große B lag faul in der Hängematte. Alles war also in schönster Ordnung. Doch plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer so schwungvoll und lautstark aufgestoßen, dass das große B beinahe aus der Hängematte gepurzelt wäre. Das kleine b kam hereingestürmt und verkündete: „Ich ziehe aus!“ Das große A warf dem kleinen b nur einen missbilligenden Blick über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu, schüttelte den Kopf und widmete sich dann wieder seiner Lektüre. Das große B richtete sich – so gut es ging – in seiner Hängematte auf. „W-was?“, stotterte es. „Du hast richtig gehört“, sagte das kleine b. „Ich ziehe aus! Weiterlesen

Und noch eine Weihnachtsgeschichte oder – Herr Schmidt

Lara war eiweihnachtsbaumn besonderes Mädchen. Ihre Besonderheit zeigte sich jedoch nicht in einem grünen Haarschopf oder darin, dass sie die Zahl Pi von der 1000sten Nachkommastelle an rückwärts aufsagen konnte. Lara war auch nicht besonders groß oder besonders klein, besonders gut oder besonders schlecht in der Schule. Das Außergewöhnliche an ihr war ganz schlicht und einfach, dass sie wohl das einzige Kind in der näheren und weiteren Umgebung war, das Weihnachten nicht mochte. Dabei hasste sie Weihnachten nicht so wie der Grinch, sie hätte nur einfach gut und gerne darauf verzichten können. Zum einen langweilte Lara sich an den Feiertagen schnell. Da musste sie die ganzen Weihnachtstage ohne ihre Freunde mit ihrer Familie verbringen. Dabei verzog sich ihr großer Bruder die meiste Zeit in seinem Zimmer, hörte laut Musik oder telefonierte mit seiner Freundin und ihre Eltern – die stritten meist vom Aufstellen des Weihnachtsbaums bis alle zusammen am zweiten Feiertag die Großeltern besuchten und man sich Mühe gab, wieder einen fröhlichen Eindruck zu machen. Der einzige Wunsch, den Lara jedes Jahr auf ihrem Wunschzettel notierte – ein Hund – ging ohnehin niemals in Erfüllung, da ihre Eltern strikt gegen Haustiere waren. Und dann musste Lara alle Jahre wieder mit ihrem Kinderchor und der Ballettgruppe zahllose Auftritte in den Altenheimen und Seniorenresidenzen der Stadt absolvieren um dort die alten Herrschaften zu unterhalten. Lara fragte sich, ob das für die Alten wirklich so unterhaltsam war, wenn ein Haufen Kinder schief sang und durcheinandertanzte. Weiterlesen

Piraten brauchen keinen Schlaf

der_kleine_pirat-jpeg_editedEs war das erste Mal, dass der kleine Pirat mit den großen Piraten auf Kaperfahrt gehen durfte. Er war schon Tage vorher schrecklich aufgeregt. Doch hatte er sich gut vorbereitet: Er hatte lange geübt laut zu fluchen, möglichst weit auszuspucken, gewaschen hatte er sich schon seit Wochen nicht mehr und er kannte schon ein halbes Dutzend Piratenlieder auswendig. Bevor es schließlich an Bord ging, setzte er sich den schwarzen Piratenhut auf den Kopf, den ihm seine Oma zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Liebevoll hatte die alte Dame einen grauseligen Totenkopf und gekreuzte Knochen auf den dicken Filz gestickt. Noch einmal murmelte der kleine Pirat leise „Steuerbord – rechts, Backbord links, Steuerbord – rechts, Backbord – links“ vor sich hin. Dann schwang er sich seinen Seesack über die Schulter und ging zum Hafen. Weiterlesen

Die Kitzelmaus

kitzelmaus Mimi seufzte. Wieder einmal waren alle anderen Mäuse schnell davongehuscht, als sie Mimi über den schwarz-weiß gekachelten Küchenboden hatten näher trippeln sehen. Mimi schnappte sich ein Stückchen Brot, das vom Küchentisch gefallen war und rannte so schnell sie konnte aus der Küche hinaus und den Flur hinunter, um in dem winzigen Loch zu verschwinden, das sie zunächst in die Wand und dann nach draußen auf den schmuddeligen Innenhof führte. Dort hockte sie sich in ein dunkles Eckchen und knabberte an ihrer Beute. Doch das Brot wollte ihr nicht recht schmecken. Mimi war traurig. Sie fühlte sich einsam. Weiterlesen