Der Hirte im Mond

Seit Menschengedenken ist der Mond Inspiration für die schönsten Sagen, Mythen und Legenden. Der Mond lässt uns träumen. Darum gehören auf einen Geschichtenblog natürlich auch ein paar Mondgeschichten. Während um uns Coronachaos herrscht, entführe ich Euch auf kleine Gedankenreisen in die Erdumlaufbahn und widme die nächsten Posts Frau Luna.

Den Auftakt macht meine Nacherzählung einer rumänischen Sage, die davon berichtet, wie ein Schafhirte auf den Mond fand.

„Papa! Ich kann nicht einschlafen!“, blökte das kleine Schaf. Das Stroh war warm und gemütlich. Doch der Vollmond schien hell in den Schafstall. Und das Lämmchen konnte einfach keine Ruhe finden. „Psst“, blökte Papa Schaf leise. „Sonst weckst du die anderen auf.“ Mama Schaf und Bruder Schaf schliefen bereits tief und fest. „Hast du es schon einmal mit Kinderzählen versucht? „Nein“, antwortete das kleine Schaf. „Das probier ich mal.“ Und das Schäfchen begann leise zu zählen. „Ein Kind klettert über den Zaun. Zwei Kinder klettern über den Zaun. Drei Kinder klettern über den Zaun… Es funktioniert nicht, Papa!“  „Hm“, sagte Papa Schaf. Gerade zog eine dicke graue Wolke am hell leuchtenden Vollmond vorbei. „Vielleicht hilft ja eine Geschichte.“ „O ja!“, freute sich das kleine Schaf. „Wusstest du, dass auf dem Mond ein Hirte lebt und auf all die Schäfchenwolken aufpasst?“, fragte Papa Schaf. „Nein, das wusste ich nicht.“ Das kleine Schaf machte große Augen. „Wie ist er denn dort hingekommen? Mit einer Rakete?“ „Nein.“ Papa Schaf lachte leise. „Ich erzähle es dir. Einmal kam ein armer Reisender an den Hof eines reichen Adeligen. Der Reisende hatte eine kleine Flöte dabei. Dieser entlockte er eine so wunderschöne Melodie, dass der Adelige ganz verzaubert war. Immer wieder und wieder bat er den Mann, die Melodie zu spielen. Und der Reisende spielte den ganzen Tag und die ganze Nacht für den reichen Mann. Zum Dank schenkte dieser ihm ein Stück Land und eine Herde Schafe. So wurde der Reisende als Schafhirte sesshaft. Tagsüber führte er seine Tiere zu den saftigsten Wiesen. Und des Nachts entlockte er seiner kleinen Flöte die zauberhafteste Melodie. Die Musik war so schön, dass alle Schafe sich um ihn sammelten, um zuzuhören. Es kamen sogar die Schafe der benachbarten Hirten. Diese wurden deshalb sehr neidisch und sie gingen zu dem reichen Adeligen und bezichtigten den Flötenspieler des Diebstahls. Sie behaupteten, der Flötenspieler würde ihre Schafe stehlen. Der Adelige war sehr böse darüber, dass der Hirte ihm seine Großzügigkeit auf diese Weise dankte und den anderen Hirten die Schafe nahm. Und so schickte er in der folgenden Nacht seine Soldaten los. Sie sollten den Hirten verhaften und in den Kerker werfen. Doch der gute alte Mond beobachtete das Geschehen. Auch ihn hatte das Flötenspiel des Hirten bezaubert und er wollte ihm helfen. Darum schickte er einen hellen Lichtstrahl zur Erde auf dem der Hirte vor den Soldaten auf den Mond fliehen konnte. Und seine Schafe folgten ihm. Seither kannst du die Schafe des Flötenspielers als Wolken am Himmel ziehen sehen. Und Nachts, wenn der Wind weht, dann kannst du – leise, ganz leise – das Flötenspiel des Hirten hören.“ Das kleine Schaf kuschelte sich ein bisschen tiefer ins Stroh und sah zum Mond hinauf. Der Wind strich um den Schafstall. „Papa, ich glaube, ich kann die Melodie hören“, sagte das kleine Schaf. Papa Schaf legte den Kopf schief und stellte die Ohren auf. „Ja, ich glaube, ich höre sie auch.“ Dann kuschelte er sich zum kleinen Schaf ins Stroh und lauschte seinem leisen Schnarchen.