Hasenfuß

Hasen sind nicht nur dafür bekannt, an Ostern die Eier zu bringen. Sie können schnell laufen, wunderbar Hakenschlagen und stehen in dem Ruf ängstlich und schreckhaft zu sein. Die folgende Hasengeschichte ist eine Erzählung der Ktunaxa aus Nordamerika.

Hasenfuß

Gelangweilt saß der Kojote auf seinem Hügel und starrte in die Landschaft. Es war ein kalter Tag. Der Winter hatte in diesem Jahr schon früh Einzug gehalten, und die meisten Tiere hatten sich in ihre Höhlen verkrochen.

Da plötzlich flitzte der Hase über den Hügel. „Warum hast du es so eilig?“, rief der Kojote ihm hinterher. Ohne anzuhalten rief der Hase über die Schulter zurück: „Ich laufe fort so schnell ich kann! Keine Zeit, keine Zeit!“ Der Kojote überlegte: „Wenn der Hase so schnell davonrennt, dann wird es einen Grund dafür geben. Am besten mache ich mich auch aus dem Staub. Das ist auf jeden Fall sicherer!“ Und so rannte der Kojote los – so schnell er nur konnte dem Hasen nach.

Als der Kojote an einem Bachlauf vorbeikam, traf er dort auf den Wolf. „Kojote, mein Bruder, warum rennst du so? Warum die Eile?“, fragte der Wolf. „Ich verschwinde hier lieber so schnell ich nur kann!“, rief der Kojote dem Wolf über die Schulter zu und verschwand in den Weiten der Prärie.

„Da muss irgendetwas passiert sein!“, sprach der Wolf zu sich. „Der Kojote ist nicht auf den Kopf gefallen. Wenn er es so eilig hat zu verschwinde, dann ist Gefahr im Verzug! Es ist wohl besser, wenn ich es ihm gleichtue!“ Und der Wolf lief los so schnell er nur konnte, dem Kojoten hinterher.

Wo der Bachlauf breiter wurde, traf der Wolf schließlich auf seinen Freund den Bären. Dieser war gerade beim Fischfang. Er wollte sich noch ein wenig Speck für den Winterschlaf anfuttern. Als der Bär den Wolf so heraneilen sah, rief er ihm zu: “He, Bruder Wolf, warum hast du es so eilig?“ „Ich verschwinde so schnell ich nur kann!“, rief der Wolf dem Bären zu und war auch schon an ihm vorbeigeflitzt. „Oje, wenn Brüderchen Wolf es so eilig hat, dann ist Gefahr im Verzug. Schließlich rennt er nicht vor allem und jedem davon. Ach, läge ich doch schon in meiner gemütlichen Höhle im Winterschlaf! Aber nun mache ich mich lieber erst einmal schnell aus dem Staub!“ Gesagt, getan. Der Bär schüttelte sich das Wasser aus dem Fell, setzte sich in Bewegung und trabte los.

Nach einer Weile sah er den Wolf mitten in der Landschaft auf seinen Hinterläufen sitzen. Ein kleines Stück weiter saß der Kojote und noch ein wenig weiter entfernt saß – vollkommen außer Atem und nach Luft schnappend – der Hase. Der Bär ließ sich neben seinem Freund, dem Wolf nieder und fragte: „Brüderchen Wolf, warum sitzt ihr drei hier herum? Ich dachte, du hättest es so eilig? Nun sag mir, warum bist du so schnell gelaufen?“ „Das musst du schon den Bruder Kojote fragen. Er rannte an mir vorbei und da dachte ich mir, besser ist besser, und lief ebenfalls los!“ So fragte der Bär den Kojoten: „He, Brüderchen Kojote, warum hattest du es so eilig, und warum sitzt du nun hier? Ist die Gefahr vorüber?“ „Gefahr? Ich weiß nicht“, antwortete der Kojote. „Du musst schon den Hasen fragen. Er flitzte über meinem Hügel und ich dachte mir, sicher ist sicher und rannte ihm nach.“ Die drei gingen zum Hasen, der noch immer völlig außer Atem war. „Freund Hase, nun sag uns, warum bist du so schnell gerannt?“, fragte ihn der Kojote. „Oh“, gab der Hase zur Antwort, „gerade war ich dabei köstliche Weidenspitzen zu knabbern, da fiel mit lautem Getöse eine Ladung Schnee von einer Tanne hinab. Beinahe wäre der Schnee auf meinem Kopf gelandet! Da habe ich mich so erschrocken, dass ich einfach losgerannt bin! Allein der Gedanke an den kalten Schnee auf meinem Kopf machte mich ganz krank!“ Der Kojote, der Wolf und der Bär brachen in ein herzhaftes Gelächter aus, das weit in die Prärie hinaus zu hören war. Nur dem Hasen war nicht zum Lachen zumute. Er dachte an die leckeren Weidenspitzen und machte sich auf den Weg, zurückzukehren um weiter an der Weide zu knabbern.

Quelle: Märchen der nordamerikanischen Indianer. Herausgegeben von : Gustav A. Konitzky. Rororo, Diederichs Märchen der Weltliteratur, 1992.