Bitte keine Ostereier

Trinchen Hase bemalte heute schon das gefühlt 5678ste Osterei. Gelangweilt tauchte sie den Pinsel in die rote Farbe. Punkte oder zur Abwechslung einmal wieder Streifen? Abwechslung! Pfff. Von wegen. Jedes Jahr gegen Ende des Winters war es doch das Gleiche in der Hasenschule. Morgens in aller Frühe wurde eine große Ladung Eier von den Hühnern geliefert und dann hieß es im Kunstunterricht malen, malen, malen. Tupfen, Streifen, Punkte, Kleckse. Rot, grün, gelb, blau. Und wehe eines von den Eiern fiel einem ausversehen herunter! Dann gab es Ärger von Herrn Hoppoppel, dem Kunstlehrer. Und einen Vortrag über die Wertschätzung der Mühen anderer. Denn jedes Ei musste ja zunächst gelegt werden und dann hatten die armen Hühner ja vor Ostern besonders viel zu tun. Denn sie mussten klammheimlich immer ein paar Eier abzwacken und zur Seite legen, ohne dass die Menschen etwas merkten, damit dann an Ostern die Überraschung nicht verdorben war. Überraschung! Glaubte Herr Hoppoppel denn wirklich, die Menschen wären nach hundert Jahren in denen Sie pünktlich am Ostersonntag buntbemalte Eier in ihren Gärten fanden noch überrascht. Zum Glück war bereits Übermorgen Ostersonntag und der Spuk erst einmal wieder vorbei. Dann würde auch der Kunstunterricht wieder Spaß machen. Trinchen entschied sich für rote Streifen und wollte gerade den Pinsel ansetzen. „Trinchen trödelt!“, rief da hinter ihr der fiese Willi. „Trinchen! Wir haben nicht mehr viel Zeit, heute müssen alle Eier fertig werden, damit wir sie am Samstag verstecken können! Also keine Träumereien, bitte!“, mahnte Herr Hoppoppel.  Jetzt war Trinchen nicht mehr nur gelangweilt, sondern auch ausgesprochen sauer. Willi, die alte Petze! Dabei waren ihm dieses Jahr schon drei Eier runtergefallen und Trinchen erst eins. Trinchen war so wütend, dass sie gar nicht bemerkte, wie fest sie mit dem Pinsel aufdrückte und knacks – das Ei zerbrach und der Dotter lief über Trinchens Pfoten. „Trinchen!“, rief Herr Hoppoppel entsetzt. „Das gute Ei. Weißt du eigentlich, wie viel Arbeit und Mühe in einem solchen Ei stecken? Wer nicht sorgfältig mit den Eiern umgeht, dem mangelt es an Respekt vor den Hühnern! Nun geh und wasch dir die Pfoten und anschließend konzentriere dich besser.“ Trinchen stiegen Tränen in die Augen. Schnell stand sie auf und machte sich auf den Weg durch die Holunderbüsche zum nahegelegenen Bachlauf um sich die Pfoten zu waschen. Dieser blöde Willi und diese blöden Ostereier! Die mussten doch auch den Menschen schon aus den Ohren rauskommen! Gut, Eier mochten ja ganz lecker sein – und nahrhaft. Aber Möhren schmeckten besser und erst frischer Klee oder Löwenzahn! Und außerdem wäre ein bisschen Abwechslung doch wirklich mal ganz schön. Da kam Trinchen eine Idee. Sie würde dieses Ostern für Abwechslung sorgen! Und wenn ihr Plan aufging, dann müsste sie vielleicht nie wieder Eier bemalen und der Kunstunterricht würde auch vor der Osterzeit wieder Spaß machen. Trinchens Stimmung besserte sich auf einen Schlag und fröhlich ging sie zu ihrem Platz zurück. Nun konnte sie es kaum erwarten, dass am Samstag das Eierverteilen losging – bis dahin hatte sie aber noch viel zu tun…

Ostersonntag war ein herrlicher milder Frühlingstag, die Sonne schien, der Himmel war beinahe wolkenlos. Mama und Papa Meierwinkel saßen auf der Terrasse vor dem Haus, tranken in aller Seelenruhe eine Tasse Kaffee und warteten darauf, dass ihr Sohn Karlchen Meierwinkel ihnen die bei der Ostereiersuche gefundenen Schätze brachte. Da durchschnitt ein markerschütternder Schrei die sonntägliche Ruhe. „MAMAAAAA! PAPAAAAA!“ Karlchen Meierwinkel kam aufgeregt um die Hausecke gelaufen. „Soll das ein schlechter Scherz sein?!“, fragte er seine Eltern. Wo sind die Ostereier?“ „Naja, hast du schon in deinem Osternest nachgeschaut?“, fragte Papa Meierwinkel. „Natürlich! Aber darin war nur ein paar alter, stinkiger Socken!“ Mama und Papa Meierwinkel sahen sich betreten an. „Und bei den Fliederbüschen?“, fragte Mama Meierwinkel. „Da lagen ein paar Mohrrüben verstreut!“  „Und unter den Rosenbüschen?“ „Da lag ein verbeulter Blecheimer! Sagt mal, ist das die Strafe dafür, dass ich gestern gesagt habe, ich glaube nicht mehr an den Osterhasen?“, erkundigte sich Karlchen misstrauisch. „Aber nein, mein Schatz, wir haben diese Sachen nicht versteckt. Der Osterhase hat wohl…“ „Ach hör doch auf!“, unterbrach Karlchen seine Mutter. „Ich bin doch kein Kleinkind mehr. Gebt ruhig zu, dass ihr mir eins auswischen wolltet!“ Derweil saß Trinchen Hase gut versteckt in einer Hecke im Garten der Meierwinkels. Sie hatte so eine Ahnung, dass ihr schöner Plan wohl doch keine so gute Idee gewesen war und sie im nächsten Jahr wohl nicht um das Eierbemalen herumkäme. Zudem fürchtete sie, dass sie einen Vortrag von Herrn Hoppoppel zu hören bekäme, den sie noch nicht kannte. Dabei hatte sie sich solche Mühe gegeben und am Freitag nach Schulschluss so fleißig interessante Dinge gesucht, die sie anstelle der Ostereier in den Gärten verstecken könnte. Und es war kaum zu glauben, was sie nicht alles gefunden hatte! Einen Schuh, noch fast einwandfreie Plastiktüten, diesen großartigen Eimer, über den Karlchen sich so gar nicht zu freuen schien – und sogar ein paar Möhren aus ihrem eigenen Vorrat hatte Trinchen verteilt. Also lauter Dinge, die man doch wunderbar gebrauchen konnte. Sie hatte sich gedacht, wenn sie den Menschen nur zeigen würde, welch andere tollen Dinge außer Ostereiern man verstecken kann, dann wollten sie auch in den nächsten Jahren lieber immer wieder neue Überraschungen in ihren Gärten finden. Und so käme Trinchen um das lästige Eierbemalen. Aber diese Menschenkinder waren doch zu seltsam. Und dann zweifelten sie anscheinend auch noch an, dass es Osterhasen wie Trinchen überhaupt gab! Und das trotz all der Mühe, die sich Trinchen und die anderen jedes Jahr machten. Zerknirscht kroch Trinchen aus ihrem Versteck und hoppelte nach Hause. Ihr graute vor dem nächsten Schultag.

Trinchens leise Hoffnung, dass Herr Hoppoppel nichts von dem Desaster mit den Eiern – oder besser gesagt ohne die Eier – mitbekommen hatte zerschlug sich gleich am Morgen des nächsten Schultags. Herr Hoppoppel wartete bereits mit böser Miene am Eingang der Hasenschule. „Trinchen Hase“, sagte er ernst. „wir müssen uns unterhalten.“

Am nächsten Sonntag klingelte es an der Haustür der Meierwinkels. „Nanu, wer kann denn das sein?“, fragte Mama Meierwinkel. „Wir erwarten doch heute gar keinen Besuch. Karlchen, geh doch bitte einmal nachsehen.“ Karlchen stand lustlos vom Frühstückstisch auf und ging zur Tür. Als er öffnete staunte er nicht schlecht. Vor der Tür stand ein zerknirscht dreinblickendes Hasenkind mit einem Körbchen, in dem etwas Gras und ein paar besonders hübsch bemalte Ostereier lagen. „Entschuldigung“, murmelte Trinchen Hase. „Es tut mir leid, dass ich dir Ostern verdorben habe. Ich dachte, du freust dich über die Socken. Sie hatten zwar Löcher, aber sie waren doch so schön lang und weich wie Hasenohren.“ Dann drückte Trinchen dem verdutzten Karlchen den Korb mit den Eiern in die Hand und hoppelte reumütig weiter. Herr Hoppoppel hatte ihr nämlich als Strafe auferlegt alle Häuser abzuklappern, in denen sie ihre Schätze versteckt hatte, sich zu entschuldigen und das verdorbene Osterfest nach Möglichkeit wieder gut zu machen. So suchte Trinchen rasch ihre schönsten bemalten Eier zusammen und hoppelte von Tür zu Tür.

Im nächsten Jahr verteilte Trinchen wieder brav ihre bunten Eier. Und Karlchen Meierwinkel? Der zweifelte nie wieder die Existenz von Osterhasen an. Die alten Socken hatte er zwar entsorgt, aber den zerbeulten Blecheimer hatte er zur Erinnerung behalten. Er stand auf Karlchens Fensterbank und wurde jedes Jahr zur Osterzeit mit Osterglocken bepflanzt. Eigentlich ganz gut zu gebrauchen, so ein alter Eimer! Aber einen Osterhasen bekam Karlchen zu seinem Bedauern kein zweites Mal zu Gesicht…

© Michaela Groß