Eine Buchstabengeschichte

kleines bEs war ein ruhiger Sonntag im Buchstabenhaus. Das große A saß gemütlich in seinem Ohrensessel und schmökerte in einem Buch. Das kleine q und das kleine r spielten verstecken. Das große O briet ein paar Frühstückseier und das große B lag faul in der Hängematte. Alles war also in schönster Ordnung. Doch plötzlich wurde die Tür zum Wohnzimmer so schwungvoll und lautstark aufgestoßen, dass das große B beinahe aus der Hängematte gepurzelt wäre. Das kleine b kam hereingestürmt und verkündete: „Ich ziehe aus!“ Das große A warf dem kleinen b nur einen missbilligenden Blick über den Rand seiner Lesebrille hinweg zu, schüttelte den Kopf und widmete sich dann wieder seiner Lektüre. Das große B richtete sich – so gut es ging – in seiner Hängematte auf. „W-was?“, stotterte es. „Du hast richtig gehört“, sagte das kleine b. „Ich ziehe aus! Du sagst immer ich bin zu klein für dies und zu klein für das. Doch das wird mir jetzt zu bunt. Und außerdem finde ich es hier langweilig. Den lieben langen Tag hocken wir hier im Buchstabenhaus. Ich will etwas von der Welt sehen. Es muss da draußen doch noch mehr geben.“ Das große B wusste nicht, was es sagen sollte. Das große A schüttelte nur wieder den Kopf und ohne von seinem Buch aufzublicken meinte es, „Du kannst nicht einfach ausziehen. Das würde alles durcheinanderbringen.“  „Ha! Ihr könnt ja versuchen, mich aufzuhalten!“, erwiderte das kleine b frech und stapfte aus dem Wohnzimmer. Das große B war noch immer sprachlos. „Hm“, brummelte das große A nur. „Kleinbuchstaben!“ Dann las es weiter. Das kleine b schnürte in der Zwischenzeit ein Bündel mit all seinen Habseligkeiten, warf es sich über die Schulter und verließ das Buchstabenhaus.

„Das kleine b hat wohl wirklich ernst gemacht“, meinte das große A nach einer Weile zum großen B. „Ich glaube, wir haben ein Problem. Sieh dir das an!“ Das große B kletterte aus der Hängematte und schaute in das Buch, das das große A ihm vor die Nase hielt. „Aschen_rödel – was ist das für eine seltsame Geschichte?“, fragte das große B erstaunt. „Lies‘ weiter“, erwiderte das große A. „Aschen_rödel ging durch die Hintertüre nach dem Garten und rief: ‚Ihr zahmen Täu_chen, ihr Turteltäu_chen, all ihr Vöglein unter dem Himmel, kommt und helft mir lesen, die guten ins Töpfchen, die schlechten ins Kröpfchen.‘“ Mit großen Augen sah das große B das große A an. „Ist das etwa das Märchen vom Aschenbrödel?“ „Jetzt hast du verstanden“, sagte das große A. „Ja, das ist das Märchen vom Aschenbrödel. Allerdings ohne das kleine b. Weil das kleine b aus dem Buchstabenhaus verschwunden ist, verschwindet es auch allmählich aus den Büchern und wer weiß wo das noch hinführt! Wir müssen etwas unternehmen!“

Und vorbei war es mit dem ruhigen, gemütlichen Sonntag im Buchstabenhaus. Oder war es jetzt nur noch ein Buchsta_enhaus? Das ganze Alphabet war in heller Aufregung. Das kleine p schlug vor, es könne sich ja auf den Kopf stellen, dann hätte man wieder ein kleines b. Doch die Idee rief wenig Begeisterung hervor. „Und dann wird aus dem Püppchen ein Pü__chen und aus planschen lanschen!“, rief das große A entsetzt. Das große G schlug vor, dass das große B seinen kleinen Bruder schnell zurückholen sollte. Doch das große A meinte, auch das würde nur zu einer noch größeren Katastrophe führen. Denn dann würde nicht nur aus dem Aschenbrödel ein Aschen_rödel, sondern Brot würde zu _rot und aus Bohne würde _ohne. „Dann müssen wir einen Buchstaben schicken, dessen Fehlen nicht auffällt!“, rief das kleine z, das bei allen für seine große Klugheit bekannt war. Doch das große Q protestierte lautstark, als man ihm die Aufgabe übertragen wollte. „Es würde viel weniger auffallen, wenn das große X das kleine b sucht! Was wird denn sonst aus all den Quallen und den Qualifizierten?“ Das große X war ein eher zurückhaltender Buchstabe und hatte kein Problem damit, sich auf die Suche nach dem kleinen b zu begeben. Das große O packte ihm noch etwas Wegzehrung ein und alle wünschten ihm Glück.

Das kleine b spazierte indessen durch einen Wald und erfreute sich an der frischen Luft und dem Gezwitscher der Vögel. Es hatte keine Ahnung, was es angerichtet hatte. Wäre es durch die Stadt spaziert, wäre ihm vielleicht aufgefallen, dass die Bäckereien nur noch Hefege_äck anboten und das Brillengeschäft nur noch Horn_rillen. Und wenn es genau hingesehen hätte, dann wäre ihm aufgefallen, dass aus dem Buchladen ein Buchladen geworden war. Das große B war vor lauter Sorge um das kleine b nämlich ganz blass und traurig geworden und ließ sich so richtig hängen. Es hatte sich in der Hängematte zusammengerollt und machte sich die bittersten Vorwürfe, dass es das kleine b nicht aufgehalten hatte. „Ich _in ein furcht_arer und _ösartiger großer Bruder!“, sagte es immer wieder. Das große A schaute besorgt. „Jetzt ist es so weit“, sagte es. „Das kleine _ ist nicht nur aus den Büchern verschwunden und aus allem geschrie_enen. Es verschwindet auch aus der Sprache!“ „Hoffentlich findet das große X _ald das kleine _!“, meinte das große M.

Das große X war indes guter Dinge. Glücklicherweise hatte es in der letzten Nacht geregnet und so konnte es die Fußspuren des kleinen bs gut im feuchten Boden erkennen und ihnen folgen. Das große X war gut zu Fuß und mit seinen zwei langen Beinen auch recht schnell. So hatte es das kleine b rasch eingeholt. Es fand den kleinen Ausreißer unter einem Baum sitzend an einem Bach, wie es die Beine ins Wasser baumeln ließ. „Da _ist du ja!“, rief das große X. Das kleine b staunte nicht schlecht. „Was machst du denn hier?“, fragte es. „Weißt du denn nicht, was du angerichtet hast?“, erwiderte das große X. „Na, dann hör mir mal zu: Brautkleid _leit Brautkleid und Blaukraut _leit Blaukraut. Bürsten mit schwarzen Borsten _ürsten _esser als Bürsten mit weißen Borsten. Du verschwindest! Das ist eine große Katastrophe und außerdem ist das große B so traurig, dass es wohl auch _ald ganz verschwindet. Du musst sofort mit mir zurückkommen!“ Das kleine b war bestürzt. „Ich wusste ja nicht, dass ich eine so wichtige Rolle spiele! Wo das große B doch immer meint, ich sei zu klein!“ Das kleine b stand auf. Doch dann zögerte es. „Was ist denn eigentlich mit Dir? Vermisst dich denn niemand?“ „Ach“, sagte das X „nur ein paar Xylophonspieler sind jetzt in Schwierigkeiten.“ Und so gingen das große X und das kleine b zurück zum Buchstabenhaus.

Als das große B hörte, dass das kleine b wieder zurückgekehrt war, bekam es sofort wieder Farbe. Die beiden Brüder fielen sich in die Arme. „Ich verspreche dir, ich werde nicht mehr so besserwisserisch sein und sagen, dass du zu klein bist!“, sagte das große B. „Und ich werde dich und die anderen nie wieder im Stich lassen!“, sagte das kleine b. Aus einer Ecke hörte man ein Schluchzen. Es war das große L, das immer sehr rührselig war. Doch sogar das große A hielt sich mit Vorwürfen zurück und das kleine h behauptete sogar, beim großen A einen Ausdruck von Erleichterung bemerkt zu haben. Doch das war nun schwer zu überprüfen, denn das große A hatte sich rasch wieder hinter seinem Buch verschanzt. Endlich konnte es in Ruhe die Geschichte vom Aschenbrödel zu Ende lesen!

© Michaela Groß

„Eine Buchstabengeschichte“ als PDF

Ein Gedanke zu “Eine Buchstabengeschichte

  1. Liebe Michi, deine Geschichte ist ganz reizend und die Bilder gefallen mir auch gut. Sie sind schön lebhaft. LG Bettina

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