Yuki-onna – die Schneefrau

Yuki-onna ist eine bekannte Gestalt aus der japanischen Mythologie. Sie tritt als Göttin des Winters oder auch als Dämonin des Schnees in Erscheinung. Auf Bildern wird sie als schöne Frau mit langem Haar und ganz in weiß gekleidet dargestellt. Sie schbwebt über den Schnee, ohne Fußabdrücke zu hinterlassen. Yuki-onna ist den Menschen meist nicht wohl gesonnen, zeigt aber hin und wieder auch ihre sanfte Seite. Viele unheimliche Geschichten ranken sich um die Schneefrau. Eine davon, sei hier nacherzählt:

In einem kleinen Dorf hoch im Norden Japans lebten einst zwei Holzfäller. Sie waren Vater und Sohn. Der Alte trug den Namen Masako und der Junge wurde von allen Akio genannt. Sie gingen stets zu zweit in den Wald und das an jedem Tag des Jahres –  im Sommer ebenso wie im Winter. Um in den Wald zu gelangen mussten sie einen Fluss überqueren, über den jedoch keine Brücke, sondern nur eine Fähre führte. Den alten Fährmann Son-Goku kannten sie gut, er hatte sie schon über den Fluss gefahren, als Akio noch ein kleiner Junge und keine große Hilfe beim Holzfällen gewesen war. An einem Wintertag, kurz vor Akios 20. Geburtstag, wollten die beiden nun wieder in den Wald hinaus. Es war ein besonders kalter Winter in diesem Jahr und an diesem Tag war der Himmel so von grauen Wolken behangen, dass es gar nicht richtig hell werden wollte. „Müsst ihr denn auch heute hinaus in die Kälte?“, fragte Kaede, Masakos Ehefrau und Akios Mutter besorgt. „Ich bin sicher, es wird noch sehr heftig schneien, ich spüre es in allen Knochen!“ „Ich würde ja auch lieber am warmen Feuer sitzen bleiben“, entgegnete Masako. „Doch kommt morgen Nishikaze aus dem Nachbardorf, um eine große Ladung Holz zu holen und wir brauchen das Geld.“ So zogen Vater und Sohn ihre wärmsten Mäntel an, wickelten sich dicke wollene Schals um Hals, Mund und Nase, zogen sich ihre Mützen tief über die Ohren und machten sich auf den Weg. Es war so kalt, dass bereits kleine Eisschollen den Fluss hinuntertrieben und der alte Fährmann rief ihnen entgegen: „Seid ihr sicher, dass ich euch heute übersetzen soll? Es wird noch viel kälter werden und sicher noch ordentlich schneien. Ich fühle es in allen Knochen!“ „Doch, doch!“, rief ihm Akio zu. “Bring uns hinüber. Morgen kommt Nishikaze aus dem Nachbardorf, um eine große Ladung Holz zu holen und wir brauchen das Geld!“ Und so brachte der Fährmann die beiden Männer sicher über das Gewässer.

Schweigend gingen Akio und Masako in den Wald und hackten Holz bis sie trotz der klirrenden Kälte, die immer schlimmer wurde, ins Schwitzen kamen. Doch plötzlich zog ein eisiger Wind auf, der rasch immer stärker wurde und es begann heftig zu schneien, so dass sich die beiden schließlich mitten in einem ordentlichen Schneesturm wiederfanden. Sie luden sich die Bündel mit dem gehackten Holz auf die Rücken und eilten zum Fluss. Doch der Fährmann war mit seinem Boot gerade auf der anderen Seite und konnte wegen des Sturms nicht zu Akio und Masako übersetzen. Inzwischen konnten die beiden in dem wilden Schneegestöber kaum noch die Hand vor Augen sehen. „Schnell! In die Hütte!“, rief Masako seinem Sohn zu. „In die Hütte des Fährmanns!“ Die beiden flüchteten sich in das schlichte Holzhaus, um hier auf die Rückkehr Son-Gokus zu warten. Der Sturm tobte derweil immer schlimmer. „Ich denke, Son-Goku wird nichts dagegen haben, wenn wir uns ein kleines Feuer in seinem Kamin anzünden und uns ein wenig aufwärmen“, sprach Masako und zündete ein paar Holzscheite im Kamin an. Erschöpft ließen Vater und Sohn sich vor der warmen Feuerstelle nieder und während der Sturm unerbittlich um die kleine Hütte heulte, schliefen sie bald in der wohligen Wärme des flackernden Feuers ein.

Einige Stunden später schreckte Akio aus dem Schlaf. Er fröstelte. Der Sturm rüttelte noch immer an der Hütte, das Feuer war erloschen und Masako lag noch in tiefem Schlummer. Akio wollte gerade noch ein paar Holzscheite in den Kamin werfen, da tat es plötzlich einen lauten Schlag. Akio drehte sich erschrocken um. Die Tür war aufgesprungen und Schnee wehte unerbittlich in die Hütte. Akio wollte rasch die Tür wieder verschließen, doch dann blieb er wie gebannt an seinem Platz. Er meinte, inmitten der wirbelnden Schneeflocken eine Gestalt zu erkennen. Eine zierliche Frau in einem weißen Gewand, die auf ihn und seinen Vater zuschwebte, umgeben von tausend tanzenden Schneekristallen. Die Frau hatte eine Haut so hell, dass sie fast durchscheinend wirkte und langes weißes Haar, das ihr offen über den Rücken fiel. Sie schien keine Füße zu haben unter ihrem langen Gewand und schwebte nun ganz nah an Masako heran. Sie schloss die Augen und gab ihm einen eiskalten Kuss auf die Stirn, der sich wie ein Nebelschwaden ausbreitete. Masako wurde blass und schließlich ganz weiß und kleine Eiskristalle bildeten sich um seinen Mund. Akio fühlte sich wie gelähmt. Die seltsame Gestalt kam nun auf ihn zu. Mit großen traurigen Augen blickte sie ihn an. „Yuki-onna, du bist es, die Schneefrau“, flüsterte Akio. „Ich kenne die Geschichten über dich aus meiner Kindheit.“ „Ja, ich bin es“, sprach die Frau und ihr Atem traf Akio wie ein eisiger Hauch. „Weil du mich erkannt hast und weil du noch so jung bist und so viel Leben und Wärme in deinen Augen ist, sollst du weiterleben. Doch nie, niemals darfst du jemandem erzählen, was du heute Nacht in dieser Hütte gesehen hast. Kein Wort darf über deine Lippen kommen. Das musst du mir versprechen.“ Akio versprach es und die Frau schwebte aus der Hütte. Akio stürzte zu seinem Vater. Er drückte ihn an sich und versuchte, wieder etwas Wärme in seinen kalten Körper zu bringen, doch vergeblich.

Am nächsten Morgen fand der alte Fährmann die Tür seiner Hütte offen vor und als er hineintrat, sah er Masako und Akio auf dem Boden vor dem Kamin liegen. Er dachte zunächst, beide Männer seien tot, erfroren in der eiskalten Winternacht, doch bemerkte er rasch, dass in dem jungen Mann noch Leben war. Schnell entzündete er ein Feuer, damit wieder Wärme in Akios leblose Glieder kommen sollte. Als der Junge wieder bei Kräften war, schwieg er über das, was er in der Nacht gesehen hatte. Er weinte still um seinen Vater und der Fährmann half ihm, den alten Mann in sein Dorf zurückzubringen, wo er von Frau und Sohn und den ebenfalls trauernden Nachbarn bestattet wurde.

Akio ging auch fortan jeden Tag in den Wald, um Holz zu fällen und half zudem seiner trauernden Mutter so gut er konnte bei all den alltäglichen Verrichtungen, die zuvor Masako in seiner sorgfältigen und ruhigen Art erledigt hatte. So verging ein Jahr und erneut brach ein harter Winter ein. Akio dachte inzwischen immer weniger an die Nacht in der Hütte des Fährmanns. Er hatte nun so lange über die Ereignisse während des Sturms geschwiegen, dass er sich selbst nicht mehr sicher war, ob sich alles wirklich so zugetragen hatte oder ob die Schneefrau nicht nur ein Trugbild gewesen war, eine Einbildung, hervorgerufen von Kälte, Hunger und Müdigkeit. Kurz vor Akios 21. Geburtstag wütete in einer Nacht erneut ein Schneesturm. Kaede hatte an diesem Tag ihren Sohn überreden können, nicht in den Wald hinaus zu ziehen, sie hatte schreckliche Angst nach ihrem Mann den Jungen auch noch zu verlieren. Und so saßen beide bereits den ganzen Tag beim Ofen und vertrieben sich die Zeit mit Erinnerungen und Geschichten. Zu sehr später Stunde klopfte es an der Tür, erst zaghaft und leise, so dass Mutter und Sohn sich nicht sicher waren, ob sie sich nicht verhört hatten. Doch dann wurde das Klopfen lauter und dringlicher. Akio stand auf und öffnete. Draußen im Schneegestöber stand ein Mädchen und sah ihn flehentlich an. „Verzeiht die späte Störung“, sprach sie. „Mein Name ist Oyuki. Ich wurde auf meinem Weg vom Schneesturm überrascht. Dürfte ich wohl bei euch vor der Kälte Zuflucht suchen und mich ein Weilchen an eurem Feuer wärmen?“ Akio und seine Mutter hießen das Mädchen herzlich willkommen. Sie gaben ihr heiße Suppe und bereiteten ihr einen Platz nahe dem Ofen. Oyuki erzählte, dass sie eine Waise sei. Ihre Eltern waren vor Kurzem verstorben und nun sei sie auf dem Weg zu Verwandten, die weit entfernt hinter dem großen Gebirgskamm lebten, in der Hoffnung, dass diese sie aufnehmen würden. Akio und seine Mutter mochten das Mädchen und boten ihr an, noch ein wenig bei ihnen zu bleiben, bis die schlimmste Kälte vorbei sei und sie einen leichteren Weg über die Berge hätte. Oyuki nahm das Angebot gerne an. Von diesem Tag an kehrte wieder mehr Leben und Fröhlichkeit in das Haus, das zuvor noch immer von der Trauer um Masako erfüllt gewesen war. Wenn Akio tagsüber im Wald zum Holzfällen war, half Oyuki Kaede und die alte Frau blühte förmlich auf. Die Gesellschaft des jungen Mädchens tat ihr gut. Abends saßen alle drei gemeinsam am Tisch, aßen und lachten und Akio und Oyuki blieben noch lange wach und erzählten sich am Ofen sitzend die schönsten Geschichten und Erlebnisse. Und so kam es, dass Oyuki auch noch blieb, als der Winter längst vergangen war und der Weg über das Gebirge wieder ungefährlich wurde. Akio und seine Mutter konnten sich nicht mehr vorstellen, ohne das Mädchen zu sein – ganz besonders Akio, denn er war längst verliebt in Oyuki. Und so war er überglücklich als er sie fragte, ob sie ihn heiraten und für immer mit ihm leben wolle und sie freudig einwilligte. Die Hochzeit fand im darauffolgenden Winter statt und die nächsten Jahre wurden die schönsten und fröhlichsten in Akios Leben. Oyuki und Akio bekamen zwei Kinder – einen Jungen und ein Mädchen und sie lebten sehr glücklich. Selbst die Winter in diesen Jahren waren nicht besonders hart und kalt, es war, als wäre mit Oyuki die Kälte gewichen.

Die Jahre vergingen, Akio und Oyukis Kinder waren nun selbst schon erwachsen und verheiratet und lebten in ihren eigenen Häusern. Doch trotz all der Jahre, die vergangen waren, war Oyuki kaum gealtert. Noch immer hatte sie eher das Antlitz des jungen Mädchens, das, wie aus dem Nichts aufgetaucht, eines Abends vor Akios Tür zwischen den tanzenden Schneeflocken stand, als die Züge einer alternden Frau.

Im letzten Sommer war Akios Mutter in einem hohen Alter verstorben. Mit einem seligen Lächeln auf den Lippen war sie ihrem Mann gefolgt. Der darauffolgende Winter wurde wieder ungewöhnlich kalt und eines Abends tobte und heulte wieder ein Schneesturm um Akios und Oyukis bescheidene Hütte. Der Sturm ließ Akio seit langer Zeit einmal wieder an die Nacht denken, in der sein Vater starb. Akio und seine Frau saßen am Ofen und Oyuki war mit Näharbeiten beschäftigt. Lange betrachtete Akio das noch immer jugendlich wirkende Gesicht seiner Frau und mit einem Mal kam ihm ein Bild in den Sinn, dessen er seit Jahren nicht mehr gedacht hatte. „Dein Gesicht“, sprach Akio. „Du erinnerst mich an jemanden. Einst begegnete ich einer Frau, auf der anderen Seite des Flusses, es war ein Abend, kalt und stürmisch wie heute. Du ähnelst ihr, doch du bist tausendmal schöner als sie. Es ist mehr Leben in dir.“ „Eine andere Frau? Was redest du? Auf der anderen Seite des Flusses, mitten in den Wäldern?“ Und ohne darüber nachzudenken erzählte Akio, was sich in der Nacht, in der sein Vater starb, zugetragen hatte. Er erzählte vom Schneesturm, der geisterhaften Gestalt und ihrem eiskalten und tödlichen Kuss. Nach all den Jahren wurden Akios Erinnerungen nun wieder lebendig und war er sich so lange nicht sicher gewesen, ob ihm sein erschöpfter Geist nicht einen Streich gespielt hatte, so sah er nun das Antlitz der Schneefrau wieder ganz deutlich vor sich, als wäre er ihr erst gestern begegnet. Er sah ihr weißes, wehendes Haar, ihre zierliche Gestalt und die großen, traurigen Augen. Als er mit seiner Erzählung an der Stelle angelangt war, an der die Schneefrau langsam auf ihn zuschwebte, sprang Oyuki auf. Erbost funkelte sie ihren Mann an. „Wie konntest du nur! Du hast versprochen, es niemandem jemals zu erzählen, nicht solange du lebst!“ „Mein Versprechen, ja – aber nach so vielen Jahren. Doch Oyuki – woher weißt du von meinem Versprechen?“  In diesem Moment ging Seltsames mit Oyuki vor. Sie wurde ganz blass, fast durchscheinend und nicht nur ihr Gesicht, auch ihr langes schwarzes Haar verlor seine Farbe und wurde schneeweiß. Der Zorn wich aus ihren Augen und sie blickte Akio traurig und durchdringend an. „Du, du bist es ja selbst! Du bist Yuki-onna, die Schneefrau! Verzeih mir meine Liebste, ich wusste nicht…“ „Schweig!“, gebot ihm Yuki-onna mit leiser Stimme. Ich könnte, ich müsste dich töten. Ein Hauch von mir und dein Blut wird zu Eis. Warum konntest du nicht weiter schweigen? Warum konntest du den Mund nicht halten, nach all den Jahren. Du hast dein und mein Glück zerstört, denn nun muss ich wieder hinaus in den Sturm. Als ich dich damals in der Hütte sah, als ich dir in die Augen blickte, da erahnte ich, was es bedeutet, ein Mensch zu sein, ein menschliches Leben zu führen – zu lachen und zu weinen, den warmen Sommerwind auf der Haut zu spüren und ich wollte dich wiedersehen. Doch nun, da du gesprochen hast, ist alles vorüber.“ Und mit einem lauten Schlag sprang die Tür auf und ein heftiger Windstoß wirbelte tausende kleiner Schneeflocken in den Raum. Yuki-onna küsste Akio auf die Stirn und der Kuss brannte wie eiskaltes Feuer. Dann riss der Windstoß sie mit sich, hinaus in die Kälte und Akio konnte nur noch sehen, wie Yuki-onna sich in dem Schneegestöber aufzulösen schien und davongetragen wurde.

Von diesem Abend an schwieg Akio. Er schwieg nicht nur über das, was in dieser Nacht geschehen war, kein einziges Wort kam mehr über seine Lippen und auch kein Lachen. Zurück blieb ein Mal von dem Eiskuss auf seiner Stirn. Und jedes Jahr im Winter zog er hinaus in die Wälder und wartete auf einen Schneesturm, der ihm seine Yuki-onna zurückbringen sollte. Die Leute hielten ihn für verrückt. Doch eines Tages, kurz vor Akios 90. Geburtstag, da tobte einmal wieder ein Sturm in der Gegend, eiskalt und klirrend und Akio war draußen im Wald. Als man ihn am nächsten Tag tot fand, sagten die Leute, er sei erfroren. Doch ich glaube, der Sturm hat seine Seele mit sich fortgetragen und sie zu Yuki-onna gebracht.

Mehr über Yuki-onna.

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