Piraten brauchen keinen Schlaf

der_kleine_pirat-jpeg_editedEs war das erste Mal, dass der kleine Pirat mit den großen Piraten auf Kaperfahrt gehen durfte. Er war schon Tage vorher schrecklich aufgeregt. Doch hatte er sich gut vorbereitet: Er hatte lange geübt laut zu fluchen, möglichst weit auszuspucken, gewaschen hatte er sich schon seit Wochen nicht mehr und er kannte schon ein halbes Dutzend Piratenlieder auswendig. Bevor es schließlich an Bord ging, setzte er sich den schwarzen Piratenhut auf den Kopf, den ihm seine Oma zum letzten Geburtstag geschenkt hatte. Liebevoll hatte die alte Dame einen grauseligen Totenkopf und gekreuzte Knochen auf den dicken Filz gestickt. Noch einmal murmelte der kleine Pirat leise „Steuerbord – rechts, Backbord links, Steuerbord – rechts, Backbord – links“ vor sich hin. Dann schwang er sich seinen Seesack über die Schulter und ging zum Hafen.

Als das Schiff in See stach, war ihm auch nur ein ganz klein wenig übel geworden und er hatte auch nur drei ganz kleine Tränen verdrückt, als er seine Oma, die am Hafen stand und winkte, immer kleiner werden sah. Den ganzen Tag über hatten ihm Käpt’n Feuerbart und seine Mannschaft alles gezeigt und erklärt. Der kleine Pirat war in den Ausguck geklettert, hatte in der Kombüse Kartoffeln geschält, das Deck geschrubbt bis es glänzte, den Kompass gelesen und Elsa, den Papagei des Kapitäns gefüttert.

an_der_reling_editedDoch nun legte sich langsam die Dämmerung über den Horizont. Der kleine Pirat stand mit dem Käpt’n an der Reling. Käpt’n Feuerbart reckte sich und gähnte, ohne sich die Hand vor den Mund zu halten. „Das war ein langer Tag heute“, sagte er zum kleinen Pirat. „Du bist sicher schrecklich müde. Ich würde sagen: ab in die Koje!“ „Müde? Nein, ich bin kein bisschen müde! Ich bin ein Pirat, wild und verwegen. PIRATEN BRAUCHEN KEINEN SCHLAF!“, rief der kleine Pirat. „Du bist in den Ausguck geklettert, hast in der Kombüse Kartoffeln geschält, das Deck geschrubbt bis es glänzte, den Kompass gelesen und Elsa gefüttert. Du musst schrecklich müde sein. Also ab in die Koje.“ „Ich will nicht in die Koje. Ich bin nämlich überhaupt gar kein bisschen müde! PIRATEN BRAUCHEN KEINEN SCHLAF!“ „Also gut, also gut“, sagte der Käpt’n, setzte sich auf die Planken und lehnte sich an die Reling. „Ich will dir noch eine Geschichte erzählen. Sieh mal nach oben. Siehst du den Stern dort, den, der am hellsten leuchtet?“ „Ja. Den sehe ich“, erwiderte der kleine Pirat. „Das ist der Abendstern“, sagte der Käpt’n. „Und siehst du den kleinen unscheinbar funkelnden Stern direkt daneben? Die beiden verbindet eine Geschichte, die jeder Pirat kennt.“ „Dann erzähl sie mir, erzähl sie mir!“, bettelte der kleine Pirat. „Also gut, also gut“, gähnte der Käpt’n. „Es gab einst ein kleines Königreich. Und ich meine ein wirklich kleines Königreich. Es war einmal sehr groß und mächtig gewesen, doch als es noch groß und mächtig war, wollte jeder ein Stück davon abhaben. Es hatte viele Kriege gegeben und das Reich war immer weiter aufgeteilt worden, bis es schließlich ganz klein geworden war und sich niemand mehr für es interessierte. Es bestand nur noch aus einem Schloss und einem kleinen Dorf.“ Der Käpt’n gähnte erneut. „Erzähl weiter, erzähl weiter!“, rief der kleine Pirat. „Ja, ja, so, so, hm, natürlich. Also, das Königreich war sehr klein und seine Bewohner lebten friedlich und glücklich. Es gab auch eine Königsfamilie in dem Reich, die bestand aus der Königin, dem König und ihrem Sohn, dem Prinzen. Weil das Reich so klein war, hatten sie nicht viel zu regieren. Der König vertrieb sich gerne die Zeit in seinem Kräutergarten und die Königin übte sich im Bogenschießen. Und der Prinz, ja der Prinz, der langweilte sich furchtbar. Er langweilte sich so sehr, dass er ganz krank wurde vor Langeweile – ganz krank“, der Käpt’n gähnte lang und laut. „Eines Tages wollte er keine Kräuter mehr anpflanzen und sich auch nicht mehr mit seiner Mutter im Bogenschießen messen. Er saß nur noch in seinem Zimmer am Fenster, sah in die Ferne und seufzte.“ Der Käpt‘n gähnte und schmatzte ein wenig. „Erzähl weiter, erzähl weiter!“, rief der kleine Pirat, und immer langsamer sprechend fuhr der Kapitän fort. „Hm, ja, also saß nur noch am Fenster. Seine Eltern waren sehr besorgt und schickten nach dem königlichen Leibarzt und der erklärte ihnen, der Junge habe Fernweh und das könne nur schlimmer werden. Man solle ihm ein Pferd satteln und ihn in die Welt hinausschicken, damit er Abenteuer erleben könne. Und so schwer es den Eltern fiel, sie sattelten dem Prinzen ein Pferd und schickten ihn in die Welt hinaus.“ Käpt’n Feuerbart fielen die Augen zu. „Erzähl weiter, erzähl weiter!“, rief der kleine Pirat, doch der Käpt‘n murmelte nur noch „ja, ja“ und begann laut zu schnarchen. „Na so was!“, dachte der kleine Pirat. „Von seiner eigenen Gute-Nacht-Geschichte eingeschlafen!“  Doch der kleine Pirat selbst war noch immer nicht müde. Und so kletterte er zu Krähenauge, der seine Augenklappe mit Stolz trug, in den Ausguck.

„Na, bist du denn noch gar nicht müde?“, fragte Krähenauge den kleinen Piraten. „Müde? Nein, ich bin kein bisschen müde! Ich bin ein Pirat und PIRATEN BRAUCHEN KEINEN SCHLAF!“, rief der kleine Pirat. „Außerdem wollte mir der Käpt‘n gerade die Geschichte vom Abendstern und seinem funkelnden kleinen Nachbarn erzählen, doch er ist an der Stelle eingeschlafen, an der der Prinz in die Welt hinauszieht, um Abenteuer zu erleben. Und nun WILL ICH DAS ENDE HÖREN!“ „So, so, verstehe“, sagte Krähenauge. „Nun dann will ich mal sehen, ob ich die Geschichte noch zusammenbekomme. Also, der Prinz zog in die Welt hinaus“, begann der einäugige Pirat und machte es sich in seinem Krähennest gemütlich. „Er kämpfte gegen Drachen, befreite Prinzessinnen aus den Händen böser Hexen und Zauberer und führte unehrenhafte Ritter ihrer gerechten Strafe zu. Doch eines Tages wurde ihm auch das langweilig. Er dachte, er habe nun jedes Abenteuer schon einmal erlebt und alles gesehen. Und so wurde er wieder ganz schwermütig und er ritt mit einem trübsinnigen Gesicht durch die Welt und wusste nicht, wohin.“ Krähenauge gähnte. „Hm, ja, er wusste nicht wohin“, setzte er wieder ein. „Er fragte jeden, der ihm begegnete, ob er nicht noch ein Abenteuer für ihn wüsste, doch keiner konnte ihm helfen. Eines Tages jedoch traf er auf ein altes Weiblein, dass gerade vom Reisig sammeln kam. Auch sie fragte er, ob es nicht einen noch größeren und noch gefährlicheren Drachen gab, als den, den er zuletzt besiegt hatte. Doch das Weiblein schüttelte nur den Kopf und meinte: ‚Junger Prinz, wenn Ihr schon alle Abenteuer erlebt habt und meint, schon alles gesehen zu haben, so solltet Ihr weiter nach Norden bis an das große Meer reiten, denn wer noch nicht den Sternenhimmel über dem Meer gesehen hat, der hat noch lange nicht alles erlebt. Es gibt nichts Schöneres auf der Welt.‘ Nichts Schöneres –.“ Krähenauge gähnte erneut er schloss seine Augen und erzählte langsam und leise weiter. „Da wurde der Prinz neugierig und machte sich auf den Weg nach Norden ans große Meer, um dort den Sternenhimmel zu sehen.“  Krähenauge gähnte und diesmal ging sein Gähnen in ein lautes Schnarchen über. Der kleine Pirat seufzte und kletterte aus dem Ausguck. Inzwischen war aus der Dämmerung finstere Nacht geworden. Auf dem Schiff war es totenstill. Alle schienen zu schlafen. „Von wegen wildes Piratenleben!“, sagte der kleine Pirat zu sich und konnte ein Gähnen nicht unterdrücken. „PIRATEN BRAUCHEN KEINEN SCHLAF! Ich bin nicht müde!“ Da sah der kleine Pirat einen Lichtschein. Er kam aus der Kombüse. Der Smutje war noch wach und schälte die Kartoffeln für den nächsten Tag.

„Kennst du die Geschichte vom Abendstern und seinem kleinen, funkelnden Nachbarn?“, fragte ihn der kleine Pirat als er die Bordküche betrat. „Was? Du bist noch nicht in der Koje? Kleine Piraten sollten jetzt schon längst schlafen!“ „PIRATEN BRAUCHEN KEINEN SCHLAF! Und ich will das Ende der Geschichte hören. Krähenauge war gerade dabei, zu erzählen, wie der Prinz nach Norden ans große Meer ritt, um dort den Sternenhimmel zu sehen.“ „So, so“, sagte der Smutje. „Dann will ich mal sehen, ob ich die Geschichte noch zusammen bekomme.“ Er überlegte kurz und begann dann zu erzählen, ohne das Schälmesser beiseite zu legen. „Der Prinz ritt also Richtung Norden ans große Meer. Als er dort ankam, senkte sich gerade die Dämmerung über den Horizont hinab. Der Prinz stieg vom Pferd und ließ es laufen, damit es sich in der Nähe ein Fleckchen zum Grasen suchen konnte. Dann setzte er sich in den Sand und blickte angestrengt in den Himmel. Noch war kein Stern zu sehen und der Prinz war schon recht enttäuscht, doch da erspähte er plötzlich ein kleines, aber helles Funkeln, das sich immer größer und deutlicher gegen die Dämmerung abhob. Der erste Stern war aufgegangen und der Prinz konnte seinen Blick nicht abwenden. Und auch als nach und nach weitere Sterne am Firmament erschienen, so bestaunte der Prinz doch nur den einen, der am hellsten und schönsten von allen funkelte. Abend für Abend kam der Prinz nun an den Strand, setzte sich in den Sand und wartete, bis der erste und schönste Stern sich zeigte. Dann lächelte er selig und blickte in den Sternenhimmel, bis das Funkeln verschwand.“ Nun hörte der Smutje doch mit dem Kartoffelschälen auf, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und lehnte sich zurück. „Doch eines Tages genügte es dem Prinzen nicht mehr, den Stern, seinen Stern, wie er ihn schon nannte, nur anzusehen und selig zu lächeln. Er wollte seinem Stern gerne nahe sein, er wollte sein Funkeln aus der Nähe bewundern und am liebsten wollte er ihn in den Händen halten, um ihn ganz genau betrachten zu können. So kletterte er eines Abends auf den höchsten Felsen am Strand und als sich der leuchtende Stern in der Dämmerung zeigte, stellte er sich auf die Zehenspitzen und reckte sich soweit er konnte Richtung Himmel. Doch es half nichts, der Stern war viel zu weit weg. Enttäuscht stieg der Prinz vom Felsen hinab und ließ sich erschöpft in den Sand fallen.“ Der Smutje gähnte herzhaft. „Doch am nächsten Abend versuchte der Prinz es erneut. Diesmal sprang er so hoch er nur konnte, nachdem er auf den Felsen geklettert war. Doch außer, dass er sich bei der Landung den Knöchel verrenkte geschah nichts. Doch der Prinz gab nicht auf. ‚Ich habe gegen Drachen und böse Ritter gekämpft und ich habe so viele Prinzessinnen befreit, dass ich sie nicht mehr zählen kann. Da werde ich doch wohl einen Stern erreichen‘, dachte er bei sich.

prinz_und_stern_editedUnd am nächsten Tag begann er, aus Treibholz, das er am Strand sammelte, eine Leiter zu bauen, eine Leiter, so lang, wie sie noch kein Mensch gesehen hatte. Und als sich die Dämmerung herabsenkte und sich der golden funkelnde Stern zeigte, kletterte der Prinz die Leiter hinauf. Höher und höher stieg er und streckte schließlich beide Arme nach seinem Stern aus, doch erreichen konnte er ihn noch immer nicht. Unendlich traurig stieg der Prinz wieder von der Leiter hinab und ließ sich in den Sand fallen. Nun wusste er nicht mehr weiter.“ Der Smutje unterbrach die Geschichte erneut mit einem herzhaften Gähnen und der kleine Pirat befürchtete schon, auch der Smutje würde gleich einschlafen. „Erzähl weiter, erzähl weiter!“, rief er deshalb aufgeregt, denn nun wollte unbedingt das Ende der Geschichte hören. „Ja, ja, schon gut“, sagte der Smutje. „Hm, ja. Er ließ sich also enttäuscht in den Sand fallen. Und als er am folgenden Abend am Strand saß und wehmütig in die Sterne blickte, da konnte er seine Tränen nicht zurückhalten. Und wie er so dasaß und weinte, da hörte er im Wasser ein leises Plätschern. Der Prinz blickte auf und sah nun die Köpfe von drei Neraiden aus dem Wasser schauen. Die Meerdamen hatten lange blaugrüne Haare in die sie Algen als Schmuck gebunden hatten und die von kleinen Krebsen geziert waren. Sie blickten den Prinzen freundlich aus ihren großen grünen Augen an und fragten ihn, warum er denn so traurig sei. Da erzählte der Prinz ihnen von seinem Kummer. Die Neraiden lachten nur und sagten: ‚Aber es ist doch ganz einfach! Du musst doch nur zu uns ins Wasser kommen, wenn du deinem Stern nah sein willst.‘ ‚Ins Wasser? Was soll ich im Wasser, wenn mein Stern oben am Himmelszelt auf mich wartet?‘, fragte der Prinz. ‚Aber sieh‘ doch!‘, sprach eine der Neraiden, ‚Sieh‘ doch auf das Wasser. Dort, dort ist dein Stern doch auch!‘ Der Prinz blickte auf das Meer, das an diesem Abend ruhig und glatt wie ein Spiegel vor ihm lag. Und tatsächlich, ganz weit draußen auf dem Meer, da funkelte sein Stern auf der schwarzen Wasseroberfläche. ‚Komm, komm mit uns‘, sprachen nun die Neraiden, ‚wir bringen dich zu ihm.‘ Und obwohl er nicht schwimmen konnte zögerte der Prinz nicht lange. Er schritt zu den Neraiden ins Meer und seither wurde er nie wieder gesehen. Aber wenn man ganz genau hinschaut, dann erkennt man, dass seit jener Nacht ein neuer, kleiner Stern neben dem Abendstern am Himmel prangt und fröhlich funkelt.“ Der Smutje schloss die Geschichte mit einem herzhaften Gähnen. „Eine schöne Geschichte, aber auch ein bisschen traurig“, sagte der kleine Pirat und biss in eine Kartoffel. Er wusste nicht warum, aber auf einmal war er sehr froh, dass er den Käpt‘n hatte, der ihm das Kompasslesen beibrachte und Krähenauge, der ihm gezeigt hatte, wie man das Deck schrubbt bis es glänzt und den Smutje, dem er beim Kartoffelschälen half. Und sogar über Elsa, den Papagei des Kapitäns war er froh. Der kleine Pirat seufzte. Der Smutje hatte inzwischen seinen Kopf auf den Tisch gelegt und schnarchte laut. Der kleine Pirat schälte die restlichen Kartoffeln, dann ging er noch einmal an Deck. Er stellte sich an die Reling und sah auf das Wasser, unter dessen Wellen er für einen winzigen Augenblick ein seltsames Wesen zu erkennen meinte. Ein Wesen mit einem blaugrünen Haarschopf, geschmückt mit Algen und mit kleinen Krebsen, die sich darin verfangen hatten. Dann sah er hinauf in den Himmel. Die Morgendämmerung stieg bereits am Horizont auf und die Sterne verblassten. Der kleine Pirat ging nun in seine Koje, legte sich in seine Hängematte und ließ sich von den Wellen in den Schlaf schaukeln. Ja, denn auch die wildesten und verwegensten Piraten brauchen ihren Schlaf.

kleiner_pirat_schlafend_edited© Michaela Groß

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