Die Kitzelmaus

kitzelmaus Mimi seufzte. Wieder einmal waren alle anderen Mäuse schnell davongehuscht, als sie Mimi über den schwarz-weiß gekachelten Küchenboden hatten näher trippeln sehen. Mimi schnappte sich ein Stückchen Brot, das vom Küchentisch gefallen war und rannte so schnell sie konnte aus der Küche hinaus und den Flur hinunter, um in dem winzigen Loch zu verschwinden, das sie zunächst in die Wand und dann nach draußen auf den schmuddeligen Innenhof führte. Dort hockte sie sich in ein dunkles Eckchen und knabberte an ihrer Beute. Doch das Brot wollte ihr nicht recht schmecken. Mimi war traurig. Sie fühlte sich einsam. Aber das traurigste war, dass sie die anderen Mäuse verstehen konnte. Sie selbst hätte auch nichts mit sich zu tun haben wollen. Äußerlich sah Mimi mit ihrem graubraunen Fell, den kugelrunden, stets wachen schwarzen Äuglein und den kurzen Öhrchen zwar aus wie alle anderen, doch Mimi hatte eine Besonderheit, die sie und andere Mäuse in größte Gefahr bringen konnte. Mimi war ausgesprochen kitzelig – noch dazu unter den Füßen. Und da Mäuse keine Schuhe tragen, war dies ein großes Problem. Sobald Mimi über eine raue Oberfläche lief, musste sie lachen oder zumindest leise kichern. Auf diese Weise hatte sie mehr als einmal die Aufmerksamkeit von Ratten, Katzen oder gar Menschen auf sich und die Mäuse, die sich in ihrer Nähe aufhielten gelenkt und nur großem Glück und noch größerer Schnelligkeit war es zu verdanken gewesen, dass Mimi bisher immer unversehrt aus diesen Situationen heraus gekommen war. Schon als sie noch eine ganz kleine Maus gewesen war, hatten ihre sieben Brüder und Schwestern stets gehörigen Abstand zu ihr gehalten und es dauerte nicht lange, bis ihre Mutter sie aus dem Nest warf und Mimi auf sich allein gestellt war. Und so ging es fort, immer, wenn sie ein paar Mäuse kennenlernte, nahmen diese Abstand zu ihr, sobald sie merkten, dass Mimi nicht über ein paar Krümel laufen konnte, ohne loszulachen. Deshalb blieb Mimi die meiste Zeit allein und hatte in ihrem Leben noch nicht ein festes Plätzchen gefunden, an dem sie länger als ein paar Tage hätte bleiben können. Während Mimi so an ihrem Brotstückchen knabberte, huschte schnell ein kleiner Schatten an der Wand entlang auf sie zu. Es war der alte Bartholomäus, dessen Schnäuzchen schon von weißen Härchen übersät war, der sich aber für sein Alter noch erstaunlich schnell bewegte. „Mimi“, sagte er. „Du kannst hier nicht bleiben. Die anderen Mäuse fürchten um ihre Sicherheit, wollen hier aber ihre Nester nicht verlassen, denn es ist ein guter Ort. Es gibt immer genügend Futter, wenig Ratten und wenn wir im Innenhof nichts finden, dann in der Küche. Die Familie im ersten Stock hat kleine Kinder und die lassen beim Essen immer etwas fallen. Es ist genug für alle da, aber nicht für dich. Neulich hätte dich beinahe der Hausmeister entdeckt, als du über die Risse im Beton des Hofs gelaufen bist und plötzlich laut lachen musstest.“ Mimi sah Bartholomäus an. Sie hatte so etwas schon oft zu hören bekommen. Nicht alle Mäuse waren so direkt wie Bartholomäus, manche drucksten zunächst herum oder sie versuchten Mimi einzureden, dass sie doch eigentlich viel besser woanders hinpassen würde. Bartholomäus wandte sich zum Gehen. Doch dann drehte er sich noch einmal zu Mimi um. „Mir fällt gerade etwas ein. Warum versuchst du nicht bei Madame dein Glück. Sie wohnt nicht weit von hier – nur ein paar Straßen entfernt in dem kleinen Haus mit dem schwarzen Metallzaun. Es ist kein besonders guter Ort, denn die Madame lebt allein und isst nicht viel. Aber dafür ist sie so gut wie taub und weil es bei ihr wenig zu holen gibt, sind dort keine anderen Mäuse, die du stören könntest.“ Kaum hatte Bartholomäus seinen Vorschlag unterbreitet, huschte er auch schon wieder davon – ein kleiner schwarzer Schatten, an der Mauer des Innenhofs. Mimi hatte schon von der Madame gehört. Die Mäuse nannten sie so, weil es sich um eine sehr vornehm wirkende alte Dame handelte und ihr kleines Häuschen das hübscheste und gepflegteste in der Gegend war. So hatten schon viele Mäuse geglaubt, dort wäre auch gutes Essen zu finden, doch lebte die Madame sehr bescheiden und mit den Jahren hatte sich bei den Mäusen herumgesprochen, dass bei ihr nicht viel zu holen war. Außerdem sollte die Madame mit einem Kater zusammenleben, der zwar alt und fett war, aber trotzdem eine abschreckende Wirkung auf die meisten Mäuse hatte. Und auch Mimi hatte eigentlich keine große Lust, in einem Haus mit einer Katze zusammen zu leben. Aber da Bartholomäus ihr unmissverständlich klar gemacht hatte, dass sie hier nicht bleiben konnte, sah sie keine andere Möglichkeit, als seinen Vorschlag in die Tat umzusetzen und bei der Madame einzuziehen – zumindest, bis sie eine bessere Idee hatte. Die Vorstellung, erst einmal nicht mehr von anderen Mäusen fortgejagt zu werden, gefiel ihr.

Mimi wartete, bis es ganz dunkel war. Die Dunkelheit würde sie wenigstens vor den Menschen schützen. Die Madame wohnte zwar wirklich nicht weit entfernt, doch schon für eine Maus, die nicht kitzelig unter den Pfoten war, wäre der Weg nicht ungefährlich. Mimi rief sich die Strecke ganz genau ins Gedächtnis, bevor sie eilig lostrippelte, damit sie sich auch ja nicht verlief und unnötig lange unterwegs wäre: Zuerst quer über den Hof mit den vielen Rissen im Beton, unter dem großen Holztor durchschlüpfen, dann links die Straße entlang, immer ganz dicht an den Hauswänden bleiben. Nun kam der schwierigste Teil. An der nächsten Straßenecke musste sie rechts abbiegen und dafür die Straße passieren. Dann ging es immer weiter geradeaus, bis die Häuser kleiner und die Gärten größer wurden, noch einmal nach rechts und das dritte Haus in der Reihe war bereits das von Madame. Nervös strich sich Mimi mit den Pfoten über die Ohren, dann flitzte sie los, quer über den Hof, so schnell sie nur konnte. Mäuse bewegen sich nicht gerne über freie Flächen, denn man weiß ja nie, wer einen gerade von oben beobachtet und sich im nächsten Moment im Sturzflug auf dich herabstürzt, um dich zum Abendessen zu verspeisen. Der Betonboden kribbelte unter Mimis Pfötchen, besonders schlimm wurde es an den Stellen, an denen der Boden Risse hatte, in denen sich kleine Steinchen festgesetzt hatten. Mit Mühe konnte Mimi ein lautes Lachen unterdrücken. Kichernd schlüpfte sie schließlich unter dem Tor hindurch und hielt kurz inne, bevor sie sich nach links wandte. Sie stellte die Ohren auf und lauschte. Doch es war nur das gleichmäßige Rauschen der Autos auf der entfernten großen Straße zu hören. Aus einem Fenster über ihr drangen Stimmen hinunter, Geschirr klapperte. Mimi streckte ihre Nase in die Luft und schnupperte. Nichts Ungewöhnliches war zu riechen. Nur die übliche Mischung aus Abgasen, Essen und Müll. Keine Katze, kein Menschenwesen in der Nähe. Mimi flitzte erneut los und drückte sich dabei dicht an den Hauswänden entlang. Ein kleiner schwarzer Schatten, den niemand bemerkte. Während sie so die Straße entlangtippelte kicherte Mimi leise vor sich hin. Asphalt war ganz besonders schlimm für ihre kitzeligen ratte Pfötchen. Dabei war ihr eigentlich gar nicht zum Lachen zumute. Sie spürte ihr Herz vor lauter Aufregung wild klopfen. Gleich wäre sie an der Straßenecke. Mimi war in Gedanken schon so damit beschäftigt, wie sie am geschicktesten die Straße überqueren sollte, dass sie die große Ratte, die plötzlich aus der Dunkelheit vor ihr auftauchte, erst bemerkte, als sie beinahe mit ihr zusammengestoßen war. Mimi blieb erschrocken stehen. Die Ratte zischte und funkelte sie böse an. „Was gibt es da zu lachen?“, fragte sie. „Rennst mich fast um und kicherst dabei vor dich hin! Dir wird das Lachen noch vergehen.“ „V-v-verzeih“, stotterte Mimi. „Ich habe nicht über dich gelacht. Ich -“ Die Ratte bleckte die Zähne und Mimi entschied, dass es besser wäre, nicht weiter zu reden und lieber die Flucht zu ergreifen. Sie rannte los, an der Ratte vorbei auf die nächste Straßenecke zu. Dabei musste sie noch immer unentwegt kichern. Sie hörte die Ratte hinter sich, die zwar weniger schnell war, aber größere Schritte machte. „Lachst ja immer noch! Aber ich kriege dich schon!“, rief sie. Mimi merkte, dass die Ratte immer näher kam. Da hatte sie die Straßenecke erreicht und ohne weiter nachzudenken rannte sie über den Höllengraben, wie die Mäuse die Straßen bezeichneten. Kaum hatte sie die andere Seite erreicht, hörte sie mit einem lauten „Wuuuusch“ ein Auto hinter sich vorbeibrausen. Mimi hielt kurz an und drehte sich um. Die Ratte hockte erschrocken mitten auf der Straße. Glücklicherweise war das Auto auch an ihr vorbeigebraust, wenn auch nur knapp. Für Mimi kam das sehr gelegen, denn die Ratte entschloss sich, Mimi lieber nicht weiter zu verfolgen, machte kehrt und ging wieder zurück auf die andere Straßenseite. „Verrückte Maus“, murmelte sie dabei vor sich hin. „Wünsch dir nur, mich nicht wieder zu treffen!“

Mimi fühlte sich schon jetzt ganz erschöpft. Das schwierigste Stück Weg hatte sie hinter sich. Kichernd lief sie nun an kleinen Mauern und Zäunen entlang. Die Gegend, in die sie nun kam, erschien ihr immer freundlicher. Auch war hier immer weniger Autolärm zu hören und es schien sogar besser zu riechen. Mimi war sehr müde und musste sich große Mühe geben, wachsam zu bleiben. Nicht noch einmal wollte sie in eine Situation wie die mit der Ratte geraten. Ängstlich blieb sie immer wieder stehen und blickte sich nervös um. Endlich erreichte sie schließlich die Straße, in der das Haus von Madame stand. Sie bog rechts ab und blickte bewundernd in die hübschen Gärten, die hinter den Zäunen zu ihrer Rechten lagen. Doch was war das? Zwischen den Hecken blitzte sie plötzlich ein Paar leuchtend grüner Augen an. Eine Katze! schoss es Mimi durch den Kopf. Hoffentlich hat sie mich nicht gesehen oder gar gehört. Mimi blieb wie versteinert stehen, doch da waren die blitzenden Augen so plötzlich wieder verschwunden, wie sie aufgetaucht waren. Als ob die Katze weggerannt wäre. Oder hatte Mimi sich getäuscht? War sie bereits so müde, dass sie Katzenaugen dort sah, wo es eigentlich keine gab. Langsam trippelte sie weiter. Und endlich, endlich, war sie am Garten von Madames Häuschen angelangt. Sie schlüpfte zwischen den Gittern des schmiedeeisernen Zauns hindurch und flitzte über das kurzgeschnittene Gras zum Haus. Der Rasen war feucht und kühlte angenehm Mimis empfindliche Pfoten. Mimi wusste, dass es auf der anderen Seite des Hauses eine Kellertür gab, unter der man hindurch schlüpfen konnte, wenn man sich ganz platt machte. Mimi lief an der Hauswand entlang und entdeckte schließlich die Tür am Ende einer kleinen Treppe, die nach unten führte. Mimi sprang die Treppe hinab. Sie lauschte noch einmal kurz und schnupperte in die Luft, doch keine Spur von dem dicken alten Kater. Mimi zwängte sich unter der Tür durch und landete in einem Kellerraum, der ordentlicher aussah als manch ein Wohnzimmer, das sie in ihrem Leben erblickt hatte. Der Raum war sauber gefegt und leer, bis auf ein Regal an einer Seite der Wand, in dem ordentlich aufgereiht gut verschlossene Marmeladengläser und ein paar Vorratsdosen standen. Nichts, an dem Mimi sich hätte gütlich tun können. Aber Mimi war viel zu müde und erschöpft, um auf ihren knurrenden Magen zu achten. So kroch sie einfach unter das Regal, rollte sich zusammen und schlief im nächsten Moment ein.

Mimi erwachte erst am nächsten Nachmittag. Inzwischen machte sich ihr Hunger deutlich bemerkbar. Sie musste unbedingt die Küche finden. Mimi krabbelte unter dem Regal hervor und schlüpfte unter einer Tür hindurch, die sie auf einen dunklen Kellerflur führte. Am Ende des Flurs führte eine schmale Treppe nach oben. Der Betonboden des Kellers war glatt lackiert und Mimi konnte darüber laufen ohne kichern zu müssen. Sie erreichte mühelos die Treppe und sprang Stufe um Stufe nach oben. Als sie das Ende der Treppe erreicht hatte, hielt sie inne. Nun würde sie sehr gut aufpassen müssen, um nicht dem dicken alten Kater direkt in die Krallen zu rennen. Sie schlüpfte unter der Tür durch und sah schon das erste Problem vor sich – Teppichboden. Teppich kitzelte für gewöhnlich ganz besonders stark. Doch dieser Teppich war gücklicherweise so weich, dass Mimi nur leise kichern musste. Sie schnüffelte kurz und ließ sich von ihrer Nase durch eine offene Tür führen, hinter der ein weiß gekachelter Fußboden mit zarten blauen Ornamenten lag: die Küche. Mimi drückte sich an weißen Schrankwänden entlang. Kein Krümelchen war hier auf dem Boden zu finden. Doch weiter oben auf der Anrichte entdeckte Mimi eine Packung mit Müsli. Während sie überlegte, wie sie die glatte Schrankwand hinaufgelangen könnte, hörte sie leise, weiche Schritte näherkommen. War das die Madame? Dafür hörten sich die Schritte zu leicht an. Der Kater! Hektisch rannte Mimi hin und her auf der Suche nach einem geeigneten Versteck. Nur eine einzige Tür führte zur Küche und durch die würde jeden Moment der fette alte Kater treten. Und schon hörte Mimi das leise Patschen der Katerpfoten auf dem nackten Küchenboden. Mimi drückte sich in eine Ecke und starrte in blitzende grüne Kateraugen, die ihr seltsam bekannt vorkamen. War das nicht das Augenpaar, das sie gestern Nacht in der Dunkelheit hatte leuchten sehen? Aber wer konnte das schon sagen, sahen nicht alle Katzen im Dunkeln gleich aus? Mimi glaubte, ihr Herz würde jeden Moment aufhören zu schlagen, doch da geschah etwas Seltsames. Der Kater machte einen Buckel und fauchte kurz, dann drehte er um und rannte, so schnell seine Beine seinen schweren Körper trugen aus der Küche. Mimi wunderte sich. Ein solches Verhalten hatte sie bei einer Katze noch nie gesehen. Es hatte beinahe so ausgesehen, als hätte der Kater sich vor irgendetwas erschreckt. Mimi sah sich um, konnte jedoch nichts Auffälliges entdecken. Vielleicht hatte er irgendetwas hinter dem Fenster über der Anrichte entdeckt. Mimi beschloss, sich nicht länger Gedanken über den Kater zu machen und sich lieber zu überlegen, wie sie an das Müsli gelangen konnte. Doch so sehr sie auch grübelte, es schien unmöglich, die glatten Schrankwände zu bezwingen, die wie riesige Eisberge vor ihr aufwuchsen. Ihr würde nichts anderes übrig bleiben, als sich in den anderen Räumen des Hauses nach etwas Essbarem umzusehen. Die kleine Maus konnte nur hoffen, dass sich der Kater irgendwo zum Schlafen zurückgezogen hatte und schon nicht mehr an sie dachte. Mimi tippelte an der Wand entlang zur Küchentür, huschte kichernd über den weichen Flurteppich und schlüpfte durch die nächstbeste Tür. Hier befand sich das Wohnzimmer, das ebenfalls mit einem flauschigen Teppich ausgelegt war. An den Wänden hingen viele gerahmte Fotos, die meisten in schwarz-weiß, einige aber auch in Farbe. Mimi fragte sich, welches der Gesichter auf den Bildern der Madame gehörte. Das Wohnzimmer war lichtdurchflutet. Eine große Glastür führte in den hinteren Teil des Gartens. Die Tür stand weit offen und Mimi konnte weit hinten im Garten die Madame in den Blumenbeten arbeiten sehen. Sie trug einen Strohhut mit einer breiten Krempe und harkte Unkraut aus den Beeten. Und dann entdeckte Mimi etwas, das ihr das Wasser im Mund zusammenlaufen ließ. Neben dem großen weißen Sofa standen zwei Metallschüsseln. Die eine war mit Wasser gefüllt, doch in der anderen türmte sich ein Berg von Katzenfutter. Der leckere Geruch stieg Mimi sofort in die Nase. Sie war so furchtbar hungrig, dass sie fürchtete, nicht mehr klar denken zu können. Nein, Mimi, das ist viel zu gefährlich, sagte sie zu sich selbst. Wo das Katzenfutter ist, da ist wohl auch der dicke Kater nicht weit. Und tatsächlich sah sie nun auch seine zusammengerollte Gestalt auf dem Sofa liegen. Sein flauschiges rotes Fell hob und senkte sich gleichmäßig mit jedem Atemzug. Er schien fest zu schlafen. Doch nein, dieses Risiko konnte Mimi nicht eingehen, dem Kater sein Futter unter der Nase wegzufressen. Aber ihr Magen knurrte immer heftiger und sie fühlte sich schon ganz schwach. Das Brotstückchen, das sie in der Küche des Mehrfamilienhauses gefunden hatte, war das einzige gewesen, was sie in den letzten Tagen zwischen die Nagezähne bekommen hatte und nun lag ein großer Essensberg direkt vor ihr. Mimi konnte nicht anders, sie musste es wagen, denn sie hatte nicht mehr die Kraft, nach einer anderen Futterquelle zu suchen. Sie stellte sich kurz auf die Hinterbeine, um den Kater besser sehen zu können. Noch immer hatte er die Augen geschlossen und schlief tief und fest. Mimi ging wieder auf alle Viere und tippelte los. Der flauschige Tepich war nicht unangenehm, doch kitzelte er trotzdem unter den Füßen. Mimi kicherte und musste sich sehr bemühen, nicht laut zu lachen.

chopinFast hatte sie die Futterschüssel erreicht, doch da konnte sie nicht mehr an sich halten und lachte kurz auf. Für Menschen ist so ein leises Mäuselachen kaum wahrzunehmen, aber für die feinen Ohren einer Katze ist es nicht zu überhören. Der Kater schreckte von dem ungewohnten Geräusch aus dem Schlaf. Der Kater hob den Kopf und spitzte die Ohren. Mimi blieb wie erstarrt stehen. Der Kater sprang auf und blitzte sie aus seinen grünen Augen an. Und gerade als Mimi dachte, nun hätte ihr letztes Stündlein geschlagen, sagte der Kater mit Entsetzen in der Stimme „Bitte, bitte, tu mir nichts! Du kannst auch mein ganzes Futter haben. Aber bitte komm mir nicht zu nahe!“ Mimi konnte ihren Ohren nicht trauen. Das klang ja fast so, als hätte der Kater Angst vor ihr, vor Mimi, der kitzeligen kleinen Maus. Mimi wusste nicht, was sie sagen oder tun sollte und blieb einfach weiter stehen und starrte den Kater an. Auch der Kater saß wie versteinert auf dem Sofa und starrte zurück. „Und wenn dir das nicht reicht,“ sagte er schließlich, „kannst du jeden Tag von meinem Futter haben. So viel du möchtest, mein Mensch gibt mir ohnehin zu viel davon. Nur bitte, komm nicht näher!“ Nun wurde Mimi wütend. „Ich weiß ja, dass ihr Katzen gerne mit eurer Beute spielt, bevor ihr sie verschlingt, aber von einem so grausamen Spiel habe ich noch nie gehört! Also bitte, bringen wir es hinter uns und friss mich!“, fiepste sie den Kater an. Der Kater verzog entsetzt sein Gesicht. „Dich fressen? Ich fresse keine Mäuse. Ich wage mich nicht einmal in die Nähe einer Maus, wie sollte ich denn dann Mäuse fressen?“ Mimi konnte es einfach nicht glauben. Eine Katze, die sich nicht in die Nähe einer Maus wagte? Aber das würde das seltsame Verhalten des Katers in der Küche erklären und gestern Nacht im Garten, denn nun war Mimi sich sicher, dass die grünen Augen, die sie in der Hecke gesehen hatte, dem fetten roten Kater gehörten. Eine Katze die sich vor Mäusen fürchtete – das löste zumindest eines ihrer Probleme. Mimi hatte vor Erstaunen beinahe vergessen, wie hungrig sie war. Doch nun machte sich das leere Gefühl in ihrem Magen wieder bemerkbar. Schnell warf sie einen Blick Richtung Garten, wo sie die Madame immer noch in den Beeten arbeiten sah, dann trippelte sie so schnell sie konnte zum Futternapf und kicherte dabei vor sich hin. Der Kater ließ sie von seinem erhöhten Platz aus keinen Momet aus den Augen. „Ich habe schon genug zu leiden“, sagte er schließlich. „Eine Katze, die sich vor Mäusen fürchtet – da musst du dich nicht noch über mich lustig machen.“ Mimi schnappte sich schnell einen Brocken Katzenfutter, kaute hastig und schluckte. Dann sah sie den Kater an „Aber das tue ich doch gar nicht. Ehrlich gesagt, wenn ich nicht so hungrig wäre, würde ich dir kein Wort glauben und wäre schon längst so schnell wie möglich verschwunden. Aber so denke ich mir, ob ich nun verhungere oder du mich gleich auffrisst, ist nun auch schon einerlei.“ „Aber warum hast du mich dann ausgelacht?“, fragte der alte Kater. Mimi schlang rasch ein weiteres Bröckchen des Katzenfutters herunter. „Ich habe dich nicht ausgelacht. Es ist der Teppich, der kitzelt mich so schrecklich unter den Pfoten. Ich bin nämlich entsetzlich kitzelig. Das ist auch der einzige Grund, warum ich in dieses Haus gekommen bin. Die anderen Mäuse wollen nichts mit mir zu tun haben. Sie wollen nicht in meiner Nähe sein, weil mein Kichern zu laut und auffällig ist und ich zu schnell die Aufmerksamkeit von Katzen oder gar Menschen auf mich ziehe. Und hier sind keine anderen Mäuse, die ich störe.“ „Ja, ich weiß“, meinte der Kater und sah dabei fast mitfühlend aus. „Dies ist ein Grund, warum ich mich hier so wohl fühle. Hier gibt es für Mäuse nicht viel zu holen. Mein Mensch ist sehr reinlich.“ Schweigend kaute Mimi weiter auf dem Katzenfutter. Sie merkte, wie sich ihr Magen allmählich füllte und sie sich wieder kräfiger fühlte. Der Kater schien sich langsam zu entspannen. Das wiederum machte Mimi Sorgen. Doch dann sagte er: „Du kommst auch nicht aufs Sofa, ja? Versprochen? Du kannst so viel von meinem Futter nehmen, wie du magst, aber komm nicht aufs Sofa.“ Mimi nahm sich noch ein Bröckchen aus dem Futternapf. Sie hatte selten die Gelegenheit, weiter zu essen, selbst wenn sie eigentlich schon satt war. „Nein. Ich komme nicht aufs Sofa, ich lege auch keinen großen Wert darauf, dir näher zu kommen.“ Nun brachte Mimi tatsächlich kein Bröckchen Futter mehr herunter. Gerade wollte sie so schnell wie möglich aus dem Wohnzimmer huschen und sich im Keller verkriechen, da sagte der Kater: „Ich kenne das, ich meine, wenn keiner von deiner Art in deiner Nähe sein will. Ich wurde auf einem Bauernhof geboren, außerhalb der Stadt. Dort gab es viele Katzen. Doch meine eigene Mutter hat mich aus unserer Scheune geworfen, weil ich vor jeder Maus davongerannt bin. Ich wäre eine Schande für die Familie, hat sie gesagt. Ich bin dann in die Stadt gezogen und habe hier zuerst eine schreckliche Zeit verlebt. Überall Mäuse! Ich habe es an keinem Ort lange ausgehalten und mich an keine Mülltonne zur Futtersuche getraut. Doch dann hatte ich Glück. Als ich schon halb verhungert war, hat mein Mensch mich gefunden und aufgenommen. Sie ist sehr tierlieb. Und es trifft sich gut, dass es in ihrem Haus keine Mäuse gibt – nun ja, zumindest bisher.“ Mimi überlegte. „Warum fürchtest du dich eigentlich vor Mäusen?“ fragte sie. „Meine Mutter hat den anderen Katzen immer erzählt, ich sei von einer tollwütigen Maus gebissen worden als ich noch ein ganz kleines Kätzchen war. Ich glaube aber nicht, dass das stimmt. Ich glaube, sie wollte nur eine Erklärung haben, um sich vor den anderen nicht zu schämen. Ich glaube, es ist einfach so. Jeder hat doch vor irgendetwas Angst.“ Mimi nickte. „Ich heiße übrigens Chopin. So hat mein Mensch mich genannt. Nach ihrem Lieblingskomponisten.“ Der Kater streckte sich stolz. „Ein schöner Name“, sagte Mimi. „Ich heiße Mimi. Das ist kurz für Mimifried.“ Der Kater legte nachdenklich den Kopf zur Seite. „Eigentlich ist es ganz schön, noch ein anderes Tier im Haus zu haben. Und für eine Maus scheinst du ganz nett zu sein, Mimi.“ „Du scheinst auch ganz nett zu sein – für einen Kater, Chopin.“ „Jetzt solltest du aber lieber wieder gehen. Ich glaube, mein Mensch kommt gleich wieder ins Haus.“ Mimi sah in den Garten und tatsächlich, die Madame packte gerade ihre Sachen zusammen. „Danke!“, fiepte Mimi und dann huschte sie kichernd zurück in den Keller.

In der Nacht wurde Mimi durch ein Poltern bei der Kellertür geweckt. Nach dem ersten Schreck, streckte sie vorsichtig ihr Näschen unter dem Regal hervor, unter dem sie sich wieder zum Schlafen zusammengerollt hatte. Sie schnupperte. Es roch nach – Katze! Rasch zog Mimi sich wieder unter das Regal zurück. Hatte der Kater sie doch hereingelegt? Hatte er ihr nur seine anrührende Geschichte erzählt, um ihr Vertrauen zu erschleichen und sie dann ganz bequem mit einem Haps herunterzuschlucken, wenn sie schlief. Tatsächlich hörte sie nun seine leisen Schritte auf dem Kellerboden. Mimi hielt den Atem an. „Mimi!“, maunzte der Kater leise. „Mimi, schläfst du schon?“ Mimi sagte nichts. „Mimi, ich dachte, du willst vielleicht lieber bei mir oben im Wohnzimmer schlafen. Dort ist es gemütlicher. Du kannst dich zwischen die Kissen auf dem Sofa legen, wenn du nur genügend Abstand zu mir hälst.“ Mimi überlegte. Konnte sie dem Kater wirklich trauen? „Mimi? Bist du noch da?“, maunzte Chopin nun schon etwas lauter. Vorsichtig streckte Mimi ihren Kopf unter dem Regal hervor. Erschrocken wich Chopin zurück. Er schien tatsächlich mehr Angst vor ihr, als sie vor ihm zu haben. Aber warum wollte er sie dann ins Wohnzimmer locken. „Ist das ein Trick?“, fragte Mimi. „Willst du mich ins Wohnzimmer locken, um mich dann zu fressen?“ „Nein!“, sagte Chopin entsetzt. „Aber, nun ja, ehrlich gesagt – ich habe dich gerne in meiner Nähe, weil ich dann nicht fürchten muss, dass andere Mäuse sich hier einnisten und du, du kommst mir noch recht harmlos vor. Also waren meine Beweggründe nicht unbedingt ehrenhaft, auch wenn ich dich nicht fressen wollte.“ Mimi dachte nach. Sie war zwar ein wenig gekränkt, aber der Gedanke, auf dem gemütlichen Sofa zwischen den weichen, warmen Kissen zu schlafen, war sehr verlockend. Also trippelte sie hinter Chopin her in das Wohnzimmer. „Wie hast du eigentlich die Kellertür aufbekommen?“, fragte Mimi neugierig. „Ich bin hochgesprungen und habe die Klinke heruntergedrückt. Mit ein bisschen Übung ist das nicht schwer.“ Mimi konnte sich kaum vorstellen, wie der gewichtige Kater solche Kunststückchen vollbrachte. Doch sie sagte nichts, schnappte sich lieber noch ein Bröckchen Katzenfutter aus der Futterschüssel als Nachtmahl, sprang auf das Sofa und kuschelte sich zwischen die Kissen. Chopin rollte sich in der anderen Ecke des Zimmers in seinem Katzenkörbchen zusammen. „Aber du bleibst wo du bist!“, sagte er aus seiner Ecke heraus. „Ja, ja,“ murmelte Mimi, bevor sie satt und zufrieden wie selten in ihrem Leben einschlief und sich dachte, so ähnlich müsse es sich anfühlen, wenn man mit anderen Mäusen zusammen in einem Nest schläft.

Von nun an aß Mimi jeden Tag aus Chopins Futternapf, so viel sie wollte und jeden Abend kam sie aus dem Keller herausgehuscht, sobald sie gehört hatte, wie die Madame zu Bett gegangen war, trippelte kichernd ins Wohnzimmer und machte es sich auf dem Sofa bequem. Irgendwann begannen Chopin und Mimi sich abends vor dem Einschlafen noch von Sofa zu Zimmerecke zu unterhalten. Über ihr Leben und ihre Erlebnisse, die anderen Katzen und die anderen Mäuse und ohne es selber zu merken, wurden die beiden ungewöhnlichen allmählich so etwas wie Freunde, Freunde, die eines Nachts sogar begannen, ein Abenteuer auszuhecken. Doch davon soll ein anderes Mal berichtet werden.

© Michaela Groß

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