Die Geschichte der Pferdegeige

In der Mongolei gibt es ein Instrument, das nennt sich Pferdegeige. Es ist ein Saiteninstrument, dessen zierlicher Hals in der Form eines Pferdekopfes endet und das die schönsten und sehnsuchtvollsten Melodien hervorbringt. Und es gibt eine Geschichte, die erzählt, wie die erste Pferdegeige entstand.

Tief im Osten der Mongolei lebte ein junger Mann namens Namdshil. Doch niemand nannte ihn bei seinem richtigen Namen. Alle Welt kannte ihn als Kuckuck oder auch Khökhöö-Namdshil. So rief man ihn, weil er so wunderbar singen konnte, dass jeder reitende Mann, der ihn hörte, von seinem Pferd absaß und jeder stehende Mann sich sofort setzte, um ihm in Ruhe zuhören zu können. Namdshil der Kuckuck war ein Schafhirte und wenn es nach ihm gegangen wäre, so hätte er sein Leben sehr gerne damit verbracht, seine Schafe zu hüten und zu singen. Doch wie es nun einmal so ist, kam alles anders. Eines Tages brach ein großer Krieg aus und der Khaan, der oberste Herrscher der Mongolei rief alle jungen Männer zum Militärdienst. So musste auch Namdshil der Kuckuck in den Krieg ziehen. Er musste weit in den Westen reisen und sich fern seiner Heimat zum Soldaten ausbilden lassen. Seine Eltern weinten, als er aufbrach, doch waren sie sich sicher, dass sein Gesang und sein frohes Gemüt ihm helfen würden, die schwere Zeit zu überstehen.

Der Krieg dauerte bereits viele Monate, als Namdshil und die anderen Soldaten seiner Truppe in einen schweren Kampf verwickelt wurden. Der Gegner zeigte sich mächtig und stark. Mitten im Kampfgetümmel sah Namdshil plötzlich, wie ein Soldat in einer goldenen Rüstung von mehreren Feinden umringt war und kaum mehr eine Möglichkeit hatte, sich ihrer zu wehren. Namdshil war kein guter Kämpfer und er wusste, er könnte allein mit seiner Kraft dem Soldaten kaum helfen, doch wollte er ihn auch nicht seinem Schicksal überlassen. Und weil ihm nichts Besseres einfiel, stimmte er laut zu singen an. Die gegnerischen Soldaten wurden von dem Zauber seiner Stimme für den Bruchteil einer Sekunde so gefangengenommen, dass der Soldat in der goldenen Rüstung alle auf einen Streich besiegen konnte. Nun nahm auch der Rest der Schlacht eine glückliche Wendung und als alles vorüber war, kam der Soldat in der goldenen Rüstung zu Namdshil dem Kuckuck und nahm seinen Helm ab. Es war kein geringerer als der Khaan selbst, dem Namdshil mit seinem Gesang das Leben gerettet hatte. „Ich verdanke Dir mein Leben und ich möchte keinen Tag mehr ohne den wundervollen Klang deiner Stimme verbringen“, sprach der Khaan und er befahl Namdshil, ihn an seinen Hof zu begleiten. Namdshil der Kuckuck war darüber nicht sonderlich erfreut, denn er hatte gehofft, nach Ende des Krieges in seine Heimat zu seiner Familie zurückkehren zu können. Betrübt entfernte er sich in der Nacht vor Aufbruch an den Hof des Khaans vom Lager und setzte sich an einen einsam gelegenen See, schaute versonnen auf das trübe Wasser und sang gegen seinen Kummer. Da tauchte plötzlich ein blasses junges Mädchen aus dem am Ufer wachsenden Schilf auf. Sie setzte sich zu Namdshil und lauschte die ganze Nacht seinem schönen Gesang. Als der Morgen anbrach, sprach das Mädchen: „Ich verstehe, warum du so traurig bist und als Dank für deinen schönen Gesang will ich dir helfen.“ Sie pfiff leise durch die Zähne und da kam ein Pferd herbei galoppiert. Es war kein gewöhnliches Pferd, denn es hatte Flügel. „Es wird dich tragen, schneller als der Wind“, sprach das Mädchen. „So kannst du an zwei Orten glücklich werden – in deiner alten und in deiner neuen Heimat. Namdshil dankte dem Mädchen, er versteckte die Flügel des Pferdes unter einer großen, bunten Decke und saß auf, um wieder zum Khaan zurückzukehren.

Am Hofe des Khaans erhielt Namdshil einen wichtigen Posten und war aufgrund seiner Stimme rasch bei allen beliebt. Doch des Abends, wenn sich die Stille über den Palast legte, schlich er sich zu den Ställen, nahm seinem geflügelten Pferd die Decke vom Rücken und flog mit ihm los, um seine Eltern und seine Freunde in seinem alten Dorf zu sehen. In der Morgendämmerung kehrte er wieder zurück. So lebte Namdshil recht gut und glücklich, doch seine gehobene Stellung am Hofe und sein betörender Gesang brachten ihm nicht nur Freunde. Da war ein Minister des Khaans, dem Namdshil der Kuckuck ein Dorn im Auge war, seit dem ersten Tage, an dem er am Hof aufgetaucht war. Der Minister war neidisch auf Namdshils gute Stellung und konnte es nicht ertragen, dass alle seine schöne Stimme bewunderten. Und so wartete er auf eine Gelegenheit, Namdshil zu schaden und ihm Schmerz zu bereiten. Doch Namdshil ließ sich nichts zuschulden kommen, was der Minister für seine Zwecke hätte ausnutzen können. Das machte ihn nur noch wütender und er begann, Namdshil nachzustellen und ihn zu beobachten. Da fiel ihm auf, dass Namdshil jeden Abend zu den Ställen schlich und erst im Morgengrauen zurückkehrte. Neugierig folgte er ihm eines Abends zu den Pferden. Er sah, wie Namdshil die bunte Decke vom Rücken seines Pferdes zog und wie hinter dessen Vorderläufen zwei Flügel sichtbar wurden. Der Minister traute seinen Augen kaum, als er beobachtete, wie Namdshil sich auf sein Pferd schwang und in den Nachthimmel davonflog. Der Minister versteckte sich nun bei den Ställen und wartete auf die Rückkehr des Kuckucks und seines geflügelten Pferdes.

Als der Morgen dämmerte, tauchten Namdshil und sein Pferd wieder auf und nachdem Namdshil in den Palast zurückgekehrt war, schlich sich der Minister in den Stall des geflügelten Pferdes, nahm ihm die Decke vom Rücken und schnitt ihm die Flügel ab.

Am nächsten Abend ging Namdshil nichts Böses ahnend in den Stall zu seinem Zauberpferd, doch er fand es tot auf. Namdshil war unendlich traurig. Er war so traurig, dass ihn nicht einmal sein traurigster Gesang hätte helfen können und dass er meinte, er könne nie wieder auch nur einen einzigen Ton singen. Da schnitt er seinem Pferd ein paar Haare aus dem Schweif und schnitzte einen Klangkörper mit einem langen Hals, der in einem Kopf endete, der ein Abbild des Antlitzes des geflügelten Pferdes war. Die Schweifhaare spannte er als Saiten auf das seltsame Instrument. Dann setzte sich Namdshil unter einen Baum und strich sanft die Saiten der ungewöhnlichen Geige. Er spielte seine ganze Trauer mit diesem Instrument und heraus kamen die schönsten und traurigsten Töne, die ein Mensch je gehört hat und die zugleich so schön waren, dass jeder reitende Mann, der sie hörte, von seinem Pferd absaß und jeder stehende Mann sich sofort setzte, um in Ruhe zuhören zu können.

Alle, die nun wissen möchten, wie sich die Pferdekopfgeige anhört, finden hier ein wunderschönes Stück des mongolischen Musikers Epi.

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